Rede Margaret Atwood zur Verleihung des Nelly-Sachs-Preises

Preis in Dortmund

Am 21. März 2010 nahm Margret Atwood in Dortmund den Nelly-Sachs-preis entgegen. Sie dankte mit dieser Rede:

13.06.2017, 12:33 Uhr / Lesedauer: 2 min
Rede Margaret Atwood zur Verleihung des Nelly-Sachs-Preises

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood.

Sehr geehrte Frau Bürgermeisterin,

sehr geehrter Herr Botschafter,

verehrte Juroren,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste!

Es ist mir eine große Ehre, heute den Nelly-Sachs-Preis entgegen nehmen zu düfen. Mir

ist durchaus bewusst, dass ich mich in eine lange und erlesene Reihe früerer

Preisträer einreihe, deren erste Nelly Sachs selbst war. Zu den Preisträern gehöen

nicht nur viele meiner Lieblingsautoren früerer Generationen, sondern auch einige

zeitgenösische Freunde und Kollegen. Ich danke der Jury, dass sie mich in diesen

illustren Kreis mit aufgenommen hat und ich danke auch der Stadt Dortmund, die es sich

trotz der gegenwätigen Herausforderungen nicht hat nehmen lassen, diese besondere

Tradition fortzufüren.

Es ist eine Tradition, die eine Ausnahmeküstlerin ehrt. Nelly Sachs war eine Dichterin,

die dütere Zeiten durchlebt hat und der es trotz zahlreicher Widrigkeiten gelungen ist,

ihr Talent als beredte Zeitzeugin fruchtbar zu machen. Der Nelly-Sachs-Preis ehrt auch

die Wortkunst selbst, und damit eine unserer ätesten Gaben –eine Gabe, die allen

Menschen gemein ist. Ich meine damit unsere von den Vorfahren ererbten,

vielschichtigen und miteinander verwobenen Sprachen –Sprachen, die sich von denen

aller anderen Geschöfe unterscheiden. Mit ihrem komplexen Satzbau und dem System

der Zeitenfolge erlauben sie uns, weit in die Vergangenheit zurükzuschauen, wie auch

weit vorauszuschauen: in die Zukunft. Nur wir Menschen sind in der Lage, uns selbst als

Spezies zu reflektieren –und dies ist dies nicht immer erfreulich. Wir könen unsere

eigenen Stäken hervorheben, erkennen aber auch das Ausmaßdes eigenen Versagens.

Manchmal sind wir vielleicht sogar den Engeln nah, aber offen gesagt, geschieht dies

nicht oft. Wenn wir ins andere Extrem gehen, könen wir Menschen wahrhaft

erschreckend sein. So wurde von Dante mehr Energie auf die Beschreibung des Infernos

verwandt als auf die des Paradieses, denn das Inferno war fü ihn fassbarer.

Zunehmend sehen diejenigen, welche die Ursprüge der Menschheit erforschen, die

Kunst –und hier insbesondere das Erzälen –als eine Anpassungsleistung der

Evolution. Das Erzälen ist eine Fäigkeit, die das Üerleben Tausender von

Generationen noch vor Beginn unserer Geschichtsschreibung beigetragen hat. Wir alle

haben unsere eigene Lebensgeschichte. Sie verortet uns in Raum und Zeit und verbindet

uns mit einem bestimmten Ort auf diesem Planeten. Was wir hiermit individuell fü

unser eigenes Selbst erreichen, leisten die Küstler fü unser kollektives Selbst. Sie

könen uns sagen, wer wir waren, was wir taten, und wozu die Menschheit in der Lage

ist –im Guten wie im Schlechten.

Die Literatur ist auch in einer anderen Hinsicht bemerkenswert, denn sie läst uns, so

weit dies irgend mölich ist, in den Geist eines Anderen eintreten. Wir könen uns

vorstellen, wir seien ein Anderer. Und je besser wir dies vermöen, desto weniger

könen wir den Anderen als eine Sache ohne Gefüle und ohne Menschenwüde

behandeln. Wenn wir uns den Abstieg ins Inferno als zuküftiges Geschehen klar vor

Augen füren könen, dann werden wir ihn auch eher meiden. Auch dies gehöt zu den

Aufgaben des Küstlers.

Lassen Sie mich Ihnen erneut danken, dass sie mich als die diesjärige Fackelträerin

ausgewält haben. Denn dies ist die Aufgabe der jeweiligen Preisträer: den Preis –die

Fackel –fü einen kurzen Augenblick zu halten, um ihn dann weiterzugeben. Dies ist das

Wesen der Sprache, das Wesen des Erzälens, das Wesen des Gesangs. Wenn diese nicht

weiter wandern, von der Hand zum Auge beim Lesen, oder vom Mund ins Ohr beim

Singen –wenn sie also ihren Weg nicht weiter gehen, dann sterben sie.

Es ist mir eine groß Freude, dass ich einen kleinen Teil des Weges mit Ihnen teilen

durfte. Vielen Dank!

Übersetzung: Thomas A. Küstermann