Restauratorin konserviert Gemälde von Franz Marc und August Macke

LWL-Landesmuseum

Langsam und vorsichtig nähert sich die Nadelspitze der Wand, an der das "Paradies" von Franz Marc und August Macke angebracht ist. Beinahe scheint es, als dringe sie geradewegs in den Putz ein. Dann, ein leichter Druck auf den Kolben. Langsam, vorsichtig. Ein flüssiges Kunststoffgemisch tritt aus, verschwindet in dem winzigen Hohlraum zwischen Farbschicht und Putz.

MÜNSTER

von Von Carolina Meinert

, 13.03.2013, 19:05 Uhr / Lesedauer: 2 min
Um die Hohlräume zwischen der Farbe und dem Putz zu füllen, spritzt Brigita Hofer ein Kunststoffgemisch hinein. Dadurch wird das Abplatzen der Farbe verhindert.

Um die Hohlräume zwischen der Farbe und dem Putz zu füllen, spritzt Brigita Hofer ein Kunststoffgemisch hinein. Dadurch wird das Abplatzen der Farbe verhindert.

Nur die Reflektion des von der Seite kommenden Scheinwerferlichts verrät die Feuchtigkeit. Wenige Sekunden nur, dann hat ein dünnes Papierstück alles aufgesaugt.

Brigitta Hofer klappt ihre Lupenbrille hoch. Sie ist zufrieden. Wieder ein Fehler weniger, der dem "Paradies" schaden könnte.Gemeinschaftsarbeit der Künstler Anfang November begann die Restauratorin im LWL-Landesmuseum Münster an dem 1,80 mal vier Meter große Wandgemälde - eine Gemeinschaftsarbeit von Franz Marc und August Macke - zu arbeiten.

Die kleine Wespe am unteren Bildrand soll von Marcs Frau Maria stammen. "Man kann nicht genau erkennen, welcher Künstler was gemalt hat", erklärt Tanja Pirsig-Marshall, die Kuratorin des Museums.Als Soldat gefallen Brigitta Hofers Arbeit ist Teil der Vorbereitung auf eine Macke-Ausstellung zum 100. Todestag des Künstlers. Als Soldat fiel er am 26. September 1914 in der Champagne in Frankreich.

Entstanden ist das Wandgemälde mit den Paradies-Motiven 1912 in Mackes Wohnhaus in Bonn. Mit Ölfarben malten die beiden Künstler Adam und Eva, Bäume und Tiere auf Putz - eigentlich mit der falschen Farbe auf das falsche Material.Nicht für die Ewigkeit "Es ist fraglich, ob das Bild für die Ewigkeit sein sollte", sagt Tanja Pirsig-Marshall. Immer wieder wurden später Veränderungen vorgenommen: Evas Gesicht wurde übermalt, die Zunge des Rehs verschwand, ebenso ein Seerosenblatt.

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Der Umzug vom "Paradies"

Ursprünglich hatten Franz Marc und August Macke das Bild auf die Wand in Mackes Bonner Wohnung gemalt. 1980 wurde es aus der Wand heraus genommen und nach Münster transportiert.
13.03.2013
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Ursprünglich hatten Marc und Macke das Bild direkt auf den Putz in Mackes Wohnhaus gemalt.© Foto: Museum
Um das Gemälde von der Wand zu nehmen war einiges an Vorbereitung nötig, damit es nicht kaputt ging.© Foto: Museum
Schließlich schnitt man das Bild aus der Wand heraus, fixierte es auf einer Platte und packte es sicher ein.© Foto: Museum
Das Paket war so groß, dass es einzig durch das Fenster aus dem Haus geschafft werden konnte.© Foto: Museum
Ein Kran hievte das Bild vorsichtig aus dem Dachgeschoss hinunter auf den Boden.© Foto: Museum
In Münster angekommen wurde es schließlich im LWL Landesmuseum aufgebaut.© Foto: Museum
Ohne größere Schäden zu verursachen, kann das Bild kein zweites Mal bewegt werden.© Foto: Museum
Doch das Bild überlebte den Krieg, die stark wechselnden Temperaturen in der unisolierten Dachgeschosswohnung und 1980 die Abnahme von der Wand und den Umzug nach Münster.Schäden entstanden All das hinterließ Spuren. Zwischen Farbe und Wand bildeten sich kleine Hohlräume, Risse entstanden, Farbe platzte ab. Ein weiteres Mal bewegen kann man die Arbeit, ohne großen Schaden zu verursachen, wohl nicht.

Kleinteilig hat Brigitta Hofer die mit bloßem Auge kaum zu erkennenden Schäden dokumentiert. Streiflicht und Abklopfen helfen bei der Suche. "Wenn es klingt wie Papier", sei ganz sicher etwas kaputt.Erhalten, was da ist In einer Kopie des Bildes hat Brigitta Hofer die Probleme farbig schraffiert - fast ein Viertel des Kunstwerks ist betroffen. "Das ist schon recht viel", sagt die Expertin.

Ihre Aufgabe: konservieren. Erhalten, was da ist. Probleme, die jetzt nicht behoben werden, könnten später irreparabel sein und ein weiteres der ohnehin schon raren Originale von Mackes Wandmalerei zerstören.Arbeit am Bau

Brigitta Hofers schuhlose Füße baumeln vom Gerüst, Musik schallt durch den Raum. Kleine, gläserne Fläschchen mit Kunststoffgemischen stehen neben ihr. Dazwischen: Pinsel Skalpelle, Spritzen, ein kleiner Spachtel, Wattebäusche, Japanpapier, ein Fotoapparat - die Arbeitswerkzeuge der selbstständigen Restauratorin, die sonst eher am Bau arbeitet, in Kirchen und Schlössern.Gegen den Zerfall

Mittlerweile ist sie mit ihren Aufgaben im Landesmuseum fertig. Die Risse im "Paradies" sind aufgefüllt, weiße Stellen haben neue Farbe. Gestern hat die museumseigene Restauratorin Brigitta Hofers Arbeit abgenommen. Auf die Frau mit den ruhigen Händen wartet nun ein neues Projekt - gegen den Zerfall und für Kunst, die überdauert.

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