Rheder Opfer beklagt „gnadenloses Wegschauen“ der Bischöfe beim Thema Missbrauch

Sexueller Missbrauch

Martin Schmitz aus Rhede wirkt an Studie der Uni Münster zu sexuellem Missbrauch in der Kirche mi. Er wurde als Messdiener von einem Kaplan missbraucht und hat eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Rhede

von Carola Korff

, 03.12.2020, 16:45 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Rheder Martin Schmitz hat den Fall Heinz Pottbäcker öffentlich gemacht

Der Rheder Martin Schmitz hat den Fall Heinz Pottbäcker öffentlich gemacht und später eine Selbsthilfegruppe gegründet. Jetzt ist er im Beirat zur Studie der Uni Münster. Er will helfen, die Gewalttaten aufzuarbeiten. © BBV

Bei der von Martin Schmitz gegründeten Selbsthilfegruppe zum sexuellen Missbrauch in der Kirche melden sich nach seinen Worten noch immer „von überallher Leute“. Mittlerweile geht Schmitz davon aus, dass allein Heinz Pottbäcker in seiner Zeit als Kaplan und Priester 50 bis 100 Kindern sexuelle Gewalt angetan hat.

Ihnen hätte viel Leid erspart werden können, wenn der damalige Bischof Reinhard Lettmann rechtzeitig richtig reagiert hätte, sagt Schmitz. „Diese Dimension macht mich verrückt.“ Sie treibt ihn an, an der Aufarbeitung weiter mitzuwirken – auch an der Studie der Westfälischen-Wilhelms-Universität zum Missbrauch im Bistum Münster, deren Zwischenergebnisse am Mittwoch vorgestellt wurden.

Kaplan missbrauchte den Rheder als Messdiener

Schmitz war Anfang der 70er-Jahre als Messdiener wiederholt Opfer von Pottbäcker in dessen Zeit als Kaplan in der damaligen Gemeinde Zur Heiligen Familie geworden. Ende 2018 machte er den Fall öffentlich und gründete eine Selbsthilfegruppe. Vor einem Jahr gab das Bistum bei der Uni Münster eine Studie zu den Missbrauchsfällen von 1945 bis 2018 in Auftrag. Eine Gruppe von Historikern unter Leitung von Thomas Großbölting durchforstet seitdem die Archive und führt Interviews mit Betroffenen. Laut dem jetzt veröffentlichten Zwischenergebnis gibt es bislang rund 200 Beschuldigte.

Im Beirat zu dieser auf zweieinhalb Jahre angelegten Studie sitzt als Sprecher der Betroffenenvertreter auch Martin Schmitz. Zwei Mal habe es bisher Beiratssitzungen gegeben, ansonsten laufe wegen Corona viel über das Telefon, so der Rheder. Richtig ist aus seiner Sicht, dass die Untersuchung der Missbrauchsfälle komplett in die Hände der Wissenschaftler gegeben wurde. Und die hatten auf ihrer Pressekonferenz zum Zwischenfazit angekündigt, die Namen der Täter und Verantwortlichen zu nennen. Der Bistumsleitung attestieren sie „ein deutliches Führungs- und Kontrollversagen“.

Kaplan Pottbäcker war bereits vorher rechtskräftig verurteilt

Auch im Fall Pottbäcker hätte Lettmann „einiges verhindern können und ist ein Stück weit für die Taten mitverantwortlich“, sagt Schmitz. Als Generalvikar hatte der spätere Bischof Kaplan Pottbäcker 1971 nach Rhede versetzt, obwohl der wegen „Unzucht mit einem abhängigen Kind“ 1968 rechtskräftig verurteilt worden war.

Jetzt lesen

„Ich hätte nicht Opfer sexuellen Missbrauchs werden müssen, wenn Lettmann auch nur einen Funken Anstand gehabt und Pottbäcker woanders eingesetzt hätte, wo er keinen Kontakt zu Kindern hatte.“ Lettmann und sein Vorgänger als Bischof Heinrich Tenhumberg hätten „gnadenlos weggeschaut, um den Priesterberuf hochzuhalten“. Die Sicht auf die Kinder habe nicht existiert.

Gemeinde in Rhede nimmt den Betroffenen ernst

Probleme bei der Aufarbeitung dieser Taten sehe er noch immer ausschließlich beim Bistum, sagt der Betroffene. In Rhede fühle er sich ernst genommen, mit der Gemeinde sind unter anderem Lesungen und Ausstellungen in Planung. „Ich würde mir wünschen, dass das an anderen Stellen auch so funktionieren würde“, so Schmitz. „Das würde den Betroffenen viel Druck nehmen.“ Dem Bistum bescheinigt der Rheder, „in einigen Dingen auch lernfähig“ zu sein. Manches habe sich schon verbessert.

Wichtig sei vor allem, offen über sexuellen Kindesmissbrauch zu sprechen. Das größte Problem sei die Unfähigkeit, darüber zu reden. „Das ist ein unangenehmes Thema, aber das darf es nicht sein.“

Lesen Sie jetzt