Rossini schießt scharf

"Barbier" in Osnabrück

OSNABRÜCK Sevilla ist auch nicht mehr, was es mal war. Regisseurin Nadja Loschky verlegt in Osnabrück den malerischen Schauplatz der Rossini-Oper „Il Barbiere di Siviglia“ in eine amerikanische Großstadt Mitte des 20. Jahrhunderts und schickt Gangster ins Gefecht.

von Von Manuel Jennen

, 19.06.2011, 20:25 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Graf Almaviva (Filippo Adami, r. mit Unterhemd), will sich als betrunkener Soldat im Haus von Don Bartolo einquartieren, um dessen Mündel Rosina (Ani Taniguchi, r. im grünen Mantel) zu erobern.

Der Graf Almaviva (Filippo Adami, r. mit Unterhemd), will sich als betrunkener Soldat im Haus von Don Bartolo einquartieren, um dessen Mündel Rosina (Ani Taniguchi, r. im grünen Mantel) zu erobern.

Die Rosina von Ani Taniguchi ist ein freches Flittchen, das meist im BH über die Bühne schlampt und sich in Abwesenheit ihres Galans mit Figaro vergnügt. Taniguchi singt die hohe Sopranfassung der Rolle, und ihre hohen Töne sind in der Tat spektakulär. Figaro ist hier zum Glück mit Marco Vassalli nicht als dicker Onkel besetzt, sondern als erotischer Rivale des Grafen (zu dem er im Folgestück, Mozarts „Hochzeit des Figaro“, ja auch wird). In seiner berühmten Auftrittsarie wirkte Vassalli am Samstag noch zu vorsichtig, sang sich dann aber schnell frei. Strahlemann der Inszenierung ist jedoch der Almaviva von Tenor Filippo Adami. Nicht nur, dass er ein hinreißender Komödiant ist – wie er sich als betrunkener Matrose mit Tina-Turner-Perücke in Bartolos Haus einschleichen will, hat großes Slapstick-Format. Adami singt auch fabelhaft, mit feinem, lyrisch blühendem Tenor und guter Beweglichkeit in den mörderischen Koloraturen. Kein Wunder, dass ihm am Ende sogar die unsingbar schwere Arie „Cessa di più resistere“ aufgebürdet wird, die die meisten Almavivas auslassen. Während dieser Arie outet sich der Graf als Polizist, und das hebt die Stimmung im Gangster-Haushalt nicht besonders – auch nicht bei Rosina. Für das Liebespaar ist das Ende dann auch nicht so happy. Schließlich weiß man aus „Figaros Hochzeit“, dass ihre Ehe sowieso eine Katastrophe wird.

Stattdessen feiert die Regisseurin in den turbulenten Finali der beiden Akte die Musik selbst. Während der wahnwitzig schnellen Ensembles stürmen etliche Rossinis mit Papp-Masken die Bühne, dazu gibt es Feuerwerk, Glitzer-Schauer und Konfetti-Regen. Italienische Belcanto-Opern sind eben auch die Musicals des 19. Jahrhunderts, in denen Show-Effekte oft die Hauptrolle spielen. Dirigent Daniel Inbal und das Osnabrücker Symphonieorchester nehmen die Partitur hingegen sehr ernst und zeigen mit liebevollen Bläsersätzen, wie viel Rossini von Mozart gelernt hatte.