Rottstr5 bringt Goethes Werther auf die Bühne

Theater

MITTE Werther heißt Wahnsinn - das wird in Hans Drehers und Arne Nobels Bearbeitung von Goethes Briefroman mehr als deutlich. Im Rottstr5-Theaters trieb Regisseur Dreher am Sonntag Darsteller Nobel in der Rolle des tragischen Titelhelden an die Grenzen der Belastbarkeit.

von Von Daniel Glade

, 21.12.2009, 16:15 Uhr / Lesedauer: 1 min
Arne Nobel verkörpert im Theater an der Rottstraße den Werther.

Arne Nobel verkörpert im Theater an der Rottstraße den Werther.

Nackt, das Gesicht blutverschmiert, die Augen weit aufgerissen, schreit sich Nobel in einer verstörenden Mischung aus Domina-Studio und geschlossener Anstalt im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Das nasse Haar fällt ihm in wirren Strähnen ins Gesicht, der Körper krampft in unerträglicher Pein. Wilde Raserei

Laute Rockmusik dröhnt aus den Boxen, betäubt den Schmerz. In wilder Raserei zerlegt Nobel die Bühnenverkleidung, während er sich durch Werthers Tagebuchaufzeichnungen deklamiert.

Und dennoch will der Funke nicht so recht auf das Publikum überspringen. Oft wirken die Emotionen einstudiert, der Irrsinn überzogen, bisweilen gar unfreiwillig komisch. Offene Aggression bleibt über weite Teile einziges Ausdrucksmittel.

Medikamente gegen Schweinegrippe Auch die Versuche, den Werther in die Jetzt-Zeit zu zerren, überzeugen nur bedingt. Erinnerungen an durchzechte Nächte mit Vodka-Kirsch, Amphetaminen und Medikamenten gegen die Schweinegrippe wirken doch recht weit hergeholt.Angebetete Lotte

Als äußerst beeindruckender Kunstgriff erweist sich jedoch die rückwärtige Chronologie, in der Dreher und Nobel ihren Werther auf die Bühne bringen: Das Stück beginnt bei Werthers Selbstmord und endet bei der ersten Begegnung mit der angebeteten Lotte. Und so wird Nobels Spiel im Laufe des Abends immer gelassener, ruhiger und gewinnt an Tiefe. Anders als in der Romanvorlage wird in der Bühnenfassung nicht Liebe zu Wahn, sondern Wahn zu Liebe.

Am Ende steht jedoch auch hier der Tod: "Ich war Werther, der Mann mit dem Kopf im Gasherd" resümiert Nobel - inzwischen ganz in Schwarz gekleidet - im dunklen Raum. Zaghaft, zögerlich beginnt der Schlussapplaus.