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Russisch Roulette auf dem Radweg: Parken in zweiter Reihe ist gefährlich - und teuer

rnFalschparker

Ob Elterntaxi, Lieferservice oder Paketbote - gerade in großen Städten wie Dortmund gehört das Parken in der zweiten Reihe zum Alltag. Oft gibt es Graubereiche zwischen erlaubt und verboten.

Dortmund, NRW

, 24.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Freitagmorgen, Beurhausstraße in Dortmund. Der Vater, der in zweiter Reihe geparkt hat, um sein Kind in die Kita zu bringen, steigt wieder ein und fährt weiter. Kurz darauf hält nur wenige Meter weiter ein Lieferwagen zum Ausladen ebenfalls auf der Fahrbahn.

Denn freie Parkplätze gibt es hier so gut wie nie. Wer nicht weit laufen kann oder will, der parkt „schnell mal kurz“ auf der Fahrbahn. Und das bei enger Straße und vielen Radfahrern, die mangels Radweg nicht nur den Autos, sondern auch den rutschigen, alten Straßenbahnschienen ausweichen müssen.

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Radfahren fühlt sich an wie russisches Roulette

Auch auf der Hohen Straße in Dortmund parken vor allem Lieferwagen und LKW in zweiter Reihe – hier gibt es aber immerhin zwei Spuren in jede Richtung. Die Zweite-Reihe-Parker lassen den Radweg am Fahrbahnrand meist frei. Trotzdem – oder gerade deswegen – fühlt sich für Radfahrer die Durchfahrt zwischen ihnen und den ordentlich parkenden Autos immer so ähnlich wie russisches Roulette an. Nicht viel anders ist es auf vielen Straßen der Dortmunder Innenstadt und den Vororten.

„Wer sein Fahrzeug verlässt oder länger als drei Minuten hält, der parkt.“
Paragraph 12, Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung

„Wer sein Fahrzeug verlässt oder länger als drei Minuten hält, der parkt.“ Paragraph 12, Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung ist unmissverständlich und macht klar, was Halten und was Parken ist. Parken in der zweiten Reihe ist verboten, außer für Taxen und Postfahrzeuge in der Nähe der gelben Postkästen.

Auch das Halten in der zweiten Reihe ist in der Regel verboten. Ausnahmen sind hier aber möglich, „wenn in der Nähe kein Parkraum vorhanden ist, der Verkehrsfluss nicht behindert wird und das Interesse die Regelabweichung überwiegt – zum Beispiel bei der Auslieferung schwerer Pakete“, sagt Dirk Krüger, Bereichsleiter Technik und Verkehr beim ADAC Westfalen.

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Aus Halten wird schnell unzulässiges Parken

„Lieferdienste befinden sich in einem Graubereich – hier wird das Parken in zweiter Reihe häufig geduldet“, sagt Krüger. Halten bedeutet, für maximal drei Minuten an einer Stelle zu stehen und das Auto dabei immer im Blick zu haben. Das gilt auch für die zweite Reihe. Andernfalls würde aus dem Halten wieder ein unzulässiges Parken.

„Unsere Zusteller sind grundsätzlich – wie jeder andere Verkehrsteilnehmer auch – gehalten, die geltende Straßenverkehrsordnung zu beachten“, sagt eine DHL-Sprecherin auf Anfrage. Die Begleichung von Strafzetteln seitens des Konzerns sei daher grundsätzlich nicht vorgesehen, könne in besonderen Einzelfällen jedoch vorkommen.

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„Die Lieferdienste planen vorsätzlich den Bruch der Straßenverkehrsordnung“, findet der Verkehrsaktivist Heinrich Strößenreuther von der Initiative Clevere Städte. „Andernfalls würden die ihre Touren so nicht planen.“

Dies gehe zu Lasten des lokalen Einzelhandels, fördere die Verödung der Innenstädte und sei zudem auch gefährlich. Nicht nur der nachfolgende Verkehr sei gefährdet, sondern auch Fußgänger und vor allem Radfahrer, die den in der zweiten Reihe abgestellten Fahrzeugen ausweichen müssen.

Parker in der zweiten Reihe behindern auch den Busverkehr

In anderen, meist kleineren Städten im Ruhrgebiet sind Falschparker in der zweiten Reihe ein geringeres Problem. In Dorsten gab es 2014 eine Verwarnung, 2015 ebenso, 2016 zwei Verwarnungen, 2017 waren es sechs Verwarnungen und 2018 keine einzige, erklärt Pressesprecher Ludger Böhne.

Ähnlich ist die Situation im noch kleineren Selm: Der letzte Verstoß, den die Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes geahndet haben, war im Jahr 2015, wie Stadtsprecher Malte Woesmann auf Anfrage dieser Redaktion mitteilt.

In Schwerte hingegen gibt es sie oft, die Parker in der zweiten Reihe und sie stören vor allem die Busfahrer: „Das Parken in zweiter Reihe führt regelmäßig zu Problemen im Busverkehr“, erklärt Inga Fransson, Sprecherin der Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU). Denn Busse benötigten für das Umfahren von Hindernissen wegen ihres größeren Wendekreises viel mehr Platz als PKW: „Durch Falschfahrer entstehen Verzögerungen im Fahrplan, welche dann bei den Fahrgästen für Verärgerung sorgen.“

Handlungsbedarf gibt es bei der Organisation

„Es gibt keinen Grund, das zu tolerieren“
Heinrich Strößenreuther von der Initiative Clevere Städte

„Es gibt keinen Grund, das zu tolerieren“, sagt Strößenreuther. Seine Initiative fordert einen Bußgeld-Regelsatz von 100 Euro statt der bisherigen 15 Euro (siehe Grafik). Eine Forderung, der sich auch der Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) anschließt. „100 Euro hätten eine abschreckende Wirkung“, sagt Gerd Lottsiepen, verkehrspolitischer Sprecher des VCD.

Der ADAC ist da skeptisch: „Höhere Bußgelder führen nicht automatisch zu einer besseren Einhaltung der Regeln. Bei Privatpersonen, die nur aus Bequemlichkeit in der zweiten Reihe halten, mag das vielleicht helfen. Bei den Lieferdiensten, die eventuell von Ausnahmeregelungen profitieren können, dürften sich kaum Auswirkungen ergeben“, sagt Dirk Krüger.

Handlungsbedarf, und da sind sich alle Befragten einig, ist eher zu sehen, wie das Problem organisatorisch minimiert werden kann. Denn vor der Herausforderung einer angespannten Verkehrssituation in den Innenstädten stehen nicht alleine Paketzusteller.

Die Warnblinkanlage schützt vor Strafe nicht - im Gegenteil

„Die Frage nach mehr Parkraum in den Städten muss aus unserer Sicht von den betreffenden Kommunen beantwortet werden“, sagt die DHL-Sprecherin. „Das darf nicht bei den Auslieferungsfahrern der Amazon-Päckchen abgeladen werden“, sagt auch Lottsiepen.

„Die Politik ist gefordert, hier vernünftige Lösungen zu erarbeiten.“ Denkbar seien Lieferbuchten und eine konsequente Kontrolle, dass dort auch wirklich nur be- und entladen wird. Eine sinnvolle Einrichtung von Verteilzentren in den Innenstädten – etwa in leer stehenden Ladenlokalen – und die Auslieferung per Lastenfahrrad seien weitere sinnvolle Überlegungen, sagt Lottsiepen.

Übrigens: Die Warnblinkanlage schützt keineswegs vor Strafe: Denn die darf man nur in einer Gefahrensituation einschalten oder wenn man nachfolgende Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn vor einem Stau warnt.

Wer den Blinker aber einschaltet, um so das Parken oder Halten in zweiter Reihe zu rechtfertigen, riskiert nicht nur ein Bußgeld für den Parkverstoß, sondern auch wegen der missbräuchlichen Nutzung eines Warnzeichens.

Mitarbeit: Tilman Abegg, Karim Laouari, Thomas Schroeter, Jennifer Uhlenbruch, Karin König, Reinhard Schmitz, Marie Ahlers
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