Russischer Historienfilm im Breitwandformat

Theaterstück "Der Idiot" in Oberhausen

OBERHAUSEN Die wahren Idioten sind nicht immer die, die sich therapieren lassen. So lässt Dostojewski in seinem Roman "Der Idiot" kaum ein gutes Haar an der besseren russischen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts und macht den nervenkranken Fürst Myschkin zum positiven Helden. Ihm folgt der Ukrainer Andriy Zholdak in seiner Bühnenfassung fürs Theater Oberhausen.

von von Klaus Stübler

, 23.05.2011, 15:40 Uhr / Lesedauer: 1 min
Szene mit "Idiot" (Michael Witte, l.).

Szene mit "Idiot" (Michael Witte, l.).

Die wahren Idioten sind nicht immer die, die sich therapieren lassen. So lässt Dostojewski in seinem Roman „Der Idiot“ kaum ein gutes Haar an der besseren russischen Gesellschaft in der Mitte des 19. Jahrhunderts und macht den nervenkranken Fürst Myschkin zum positiven Helden. Ihm folgt der Ukrainer Andriy Zholdak in seiner Bühnenfassung fürs Theater Oberhausen. Mit Bühnen- und Kostümbildnerin Tatyana Dimova erzählt er den 1000-Seiten-Roman wie einen opulenten russischen Historienfilm im Breitwandformat und 3 D – allerdings mit reichlich Überlänge. Satte vier Stunden lang. Tonmeister Sergey Patramanskiy unterlegt passgenau einen Soundtrack aus Klavierromantik, dissonanter Streichermusik und folkloristischer Blaskapelle.Der schöne Mensch Der von Dostojewski beschworene „im positiven Sinne schöne Mensch“ begegnet den Zuschauern allein im als Idiot beschimpften, in Oberhausen eher schmuddelig daher kommenden Myschkin. Unschuldig und naiv wie ein Kind, sagt der offen und ehrlich seine Meinung, ist stets neugierig, direkt und impulsiv. Eine Paraderolle für den sich ganz verausgabenden Theaterberserker Michael Witte. Alle neun Schauspieler – auch tänzerisch exzellent vorbereitet – zeigen überzeugende Porträts der von Zholdak zum Teil grotesk überzeichneten Figuren. Die vielumworbene Kurtisane Nastassja ist bei Nora Buzalka ein kapriziöses Model. Den reichen Rogoschin stellt Henry Meyer als athletischen, geschmeidigen Gentleman vor. Und während Moritz Löwe als chaplinesker Musikclown durch den Abend wandelt, wertet Klaus Zwick mit fulminantem Wandlungsvermögen und Temperament mehrere Nebenrollen auf. Bei der Premiere lichteten sich die Reihen nach der Pause. Der Abend hatte Längen, ist aber sehenswert.Termine: 10., 17. und 18.6.; Karten: Tel. (0208) 857 81 84.  www.theater-oberhausen.de

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