Sabine Reich über die deutschen Stadttheater

Interview

Sabine Reich war zehn Jahre lang Dramaturgin am Stadttheater – erst am Schauspiel Essen, dann in leitender Position am Schauspielhaus Bochum. Sie entwickelte Stadtprojekte wie die Eichbaumoper in Mülheim an der Ruhr und das Detroit-Projekt in Bochum. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Max Florian Kühlem zieht sie Bilanz und benennt Fehler.

BOCHUM

, 13.09.2015, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
YERMA
von Federico García Lorca
Regie, Kostüme & Musik: Cilla Back 
Bühne: Csörsz Khell 
Dramaturgie: Sabine Reich 
Premiere am 14. April 2012 in den Kammerspielen.
Yerma 01_9407: Bettina Engelhardt (Yerma), Werner Strenger (Juan), im Hintergrund: Ute Zehlen (Die ungläubige Alte), Die Waschweiber

YERMA von Federico García Lorca Regie, Kostüme & Musik: Cilla Back Bühne: Csörsz Khell Dramaturgie: Sabine Reich Premiere am 14. April 2012 in den Kammerspielen. Yerma 01_9407: Bettina Engelhardt (Yerma), Werner Strenger (Juan), im Hintergrund: Ute Zehlen (Die ungläubige Alte), Die Waschweiber

Kann das Stadttheater in seinen Strukturen die gesellschaftliche Realität noch abbilden? Jeder am Stadttheater will gesellschaftliche Realität abbilden, sich den multikulturellen und politischen Fragen der Zeit stellen. An den Wünschen und dem Engagement der Einzelnen liegt es nicht. Doch die Öffnung gelingt nicht. Die Strukturen der Theater haben sich in den letzten Jahrzehnten kaum verändert. Wir haben einen sehr großen Apparat mit vielen Abteilungen, der schwerfällig ist und den künstlerischen Herausforderungen oft nicht entspricht.

Ist die hierarchische Gliederung ein Problem? Die klassische Leitungshierarchie sollte mindestens hinterfragt werden. Wenn man schaut, wie heute Künstler arbeiten, ist es doch sehr spannend, dass sich viele Kollektive bilden. Ich glaube deshalb, dass wir den technischen Bereichen, die am Stadttheater ja eine große Rolle spielen, viel mehr zutrauen sollten, dass sie Teil der Produktion werden sollten.

Wie sieht es auf Seiten der Kunst aus? Wir pflegen immer noch fast ausschließlich einen Kanon des bildungsbürgerlichen, literarischen Texttheaters. Der gesellschaftliche Umgang mit Text und mit Kunst hat sich jedoch extrem verändert, ist offener geworden und Bühnenkunst ist in der Lage, viele verschiedene Kunstformen aufzunehmen. Und vielleicht ist das, was einmal ein ganz starkes Leitmedium war, das geschriebene Wort, gar nicht mehr das, was die Menschen am meisten anspricht.

Orientieren sich die Stadttheater zu sehr an den Auslastungszahlen und nehmen lieber zwei Liederabende ins Programm als die Uraufführung eines Nachwuchs-Autors? Sie tun es eben nicht lieber, aber oft notgedrungen, weil starke Erwartungen in wirtschaftlicher Hinsicht an sie gestellt werden. Und es sind nicht nur die Kommunen, es ist auch die Presse, die oft zu stark auf diese Zahlen fixiert ist.

Die Debatte um starre Stadttheater-Strukturen ist vor Jahren schon geführt worden. Hat sich nichts geändert? In den Köpfen der Kollegen hat sich viel geändert, in der Umsetzung wenig. Aber ausgelöst durch die Diskussion um die Neubesetzung der Volksbühne Berlin meldeten sich Stimmen zu Wort, die sagten, dass man in jedem Fall die Strukturen eines klassischen Stadttheaters wahren müsse. Das ist aus vielerlei Gründen falsch, aber vor allem doch, weil gerade die Volksbühne alles hinterfragt hat, was wir kannten an Theaterstrukturen und –konventionen. Sie hat sich hat extrem für andere Künste geöffnet.

Hat das bildungsbürgerliche, textbasierte Theater überhaupt noch eine Berechtigung? Die hat es auf jeden Fall, es ist eine ganz wunderbare Form. Aber die Bühnenkunst hat sich erweitert. Da geht es nicht um ein Entweder-Oder.

Schlagworte: