Schauspiel Dortmund garantiert wohligen Grusel

"Republik der Wölfe"

Es war einmal ... eine Regisseurin am Schauspiel Dortmund, die Märchen für Erwachsene erzählen wollte. Sie verzauberte neun Texte der Brüder Grimm, steckte über 30 Mitwirkende in 100 Kostüme und ließ die Drehbühne wild rotieren - fertig war "die Republik der Wölfe". Und wenn alle die Kunstblut-Orgie überlebt haben, dann ist dieses fantasievolle Gesamtkunstwerk hoffentlich noch lange in Dortmund zu sehen.

DORTMUND

, 16.02.2014, 18:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
Schauspiel Dortmund garantiert wohligen Grusel

Was für ein Ekelpaket: Sebastian Kuschmann als Froschkönig. Friederike Tiefenbacher spielt sein Opfer.

"Republik der Wölfe - Ein Märchenmassaker mit Live-Musik" heißt der höchst originelle Abend von Claudia Bauer, der am Samstag Premiere hatte. Der Untertitel lässt ahnen: Das ist nichts für Kinder. Neun Märchen hat die Regisseurin - auch mit Hilfe von Texten der US-Lyrikerin Anne Sexton - auf ihre Aktualität hin befragt. Sie fand Sex, Gewalt und Tod.Froschkönig als Vergewaltiger

Schneewittchens böse Stiefmutter (Friederike Tiefenbacher) will nicht älter werden. Die Eltern von Hänsel und Gretel sind Proleten (wo hat Bühnenbildner Andreas Auerbach bloß so eine hässliche Eckbank her?) und vernachlässigen ihre Kinder. Der Froschkönig - irre gut gespielt von Sebastian Kuschmann, der aus einem Teich herausglitscht - entpuppt sich als Vergewaltiger. Ekkehard Freye ist als Müller in "Rumpelstilzchen" herrlich blöd.

Zum Höhepunkt wird allerdings das "Rotkäppchen". Julia Schubert als Lolita verführt den "bösen Wolf" Uwe Schmieder und steckt schließlich unter seinem Gaze-Nachthemd. Nur eines von vielen tollen Kostümen (von Patricia Talacko) und ein faszinierender Effekt für die Video-Leinwand. Zu inhaltlicher Schärfe findet der Abend, wenn zum Schluss alle Wolfsmasken überziehen.

Eine finstere Märchenwelt als Abbild unserer Gesellschaft? Das ist nicht wirklich neu. Umwerfend ist aber, wie die Inszenierung auf Messers Schneide zwischen einer tristen Realität und einer wunderbar düsteren Romantik balanciert. Das alles ist so böse und bizarr, so grell und grotesk, dass es Spaß macht. Wohliger Grusel garantiert! Die Szenen mit viel Kunstblut - vor allem bei "Aschenputtel" muss die Säge sägen - lassen sich aushalten, weil alles total überdreht ist. Ein Manko gibt es aber doch: Die 100 Minuten (ohne Pause) sind für den Zuschauer anstrengend, weil wir ununterbrochen von Handlung und Musik überflutet werden.

Gute Live-Band

Überhaupt die Musik: Die Klänge der Live-Band "Ministry of Wolves" mit Paul Wallfisch, Alexander Hacke ("Einstürzende Neubauten") und Mick Harvey variieren schön zwischen Melodie und Lautmalerei. Danielle de Picciotto leiht den Märchen ihre betörende Stimme. Das Gesicht des Abends ist aber Eva Verena Müller mit ihren riesigen Augen. Ein Dornröschen, gefangen zwischen Wahn und Wirklichkeit.Karten unter Tel. (0231) 502 72 22.

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