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Schauspielhaus-Neuling Matthias Kelle ist vielseitig talentiert

Welten-Wanderer

Matthias Kelle bestellt im Café den Kräutertee „Total Reset“. Die Grippe ist im Anmarsch und ausnahmsweise deckt er sich mal nicht mit Aspirin und Vitaminpräparaten ein oder lässt sich sogar Cortison spritzen. Er hat ein paar Tage frei – eine Besonderheit im rasanten Leben des Neuankömmlings im Ensemble des Schauspielhauses.

BOCHUM

von Von Max Florian Kühlem

, 20.12.2013

Schon als Kind war der 31-jährige Matthias Kelle ein Wanderer zwischen den Welten. „Meine Eltern führen seit 30 Jahren eine Fernbeziehung“, erzählt er. So lebte er mal bei der Mutter in Detmold, die dort als Psychologin arbeitet, und mal beim Vater in Berlin, der dort das Jugendtheater Strahl aufgebaut hat. „Darüber bin ich schon ganz früh mit Theater in Berührung gekommen“, erinnert sich der Schauspieler. „Mit fünf habe ich meinen Vater in Tigerhosen auf der Bühne gesehen.“  Abgeschreckt hat dieses Bild das Kind nicht, sondern eher fasziniert. „Ich fand nur abschreckend, zu erleben, wie viel er arbeitet und wie wenig er verdient.“ Also entschied Matthias Kelle, erst einmal Theater- und Literaturwissenschaft zu studieren und „zu gucken, ob ich quer reinkomme.“

Doch in Schultheatergruppen oder der Teilnahme an Jugendtheaterwerkstätten war die Sehnsucht gewachsen, selbst auf der Bühne zu stehen – und irgendwann brach sie Bahn. „Ich dachte, ich muss mich jetzt an den Schauspielschulen bewerben, sonst bin ich irgendwann zu alt und schlepp es mein ganzes Leben mit mir rum.“ Die Schauspielschulen, so scheint es, hatten nur auf Matthias Kelle gewartet: In Leipzig, Berlin und München kam er in die Endrunde. Ohne ein filmreifes Drama ging die Aufnahme trotzdem nicht vonstatten: Nach einer Absage in Leipzig fiel auch noch der Flug nach München aus – und der junge Matthias Kelle wollte sich schon lethargisch in eine Ecke verkriechen.

Doch sein Vater warnte: „Du wirst es bereuen“. Also bestieg er um fünf Uhr morgens einen Zug in Berlin, kam um zwölf in München an, sprach um halb eins vor, fiel danach ins Hotelbett und verschlief den Anruf, dass er aufgenommen war. Nach dem Abschluss in München wurde Matthias Kelle praktisch vom Fleck weg am Schauspiel Stuttgart engagiert. „Volker Lösch brauchte für seinen ‚Hamlet’ ganz dringend einen Laertes – da gab es gar keine Zeit nachzudenken.“ Die gab es erst im vergangenen Jahr, als er mit Freunden aus Berlin nach Athen reiste und dort für die Fazer-Tage in Mülheim an der Ruhr mit griechischen Künstlern arbeitete und dafür auch mit illegalen Flüchtlinge, Ärzten – Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten des Landes zu tun bekam, das symbolisch für einen europäischen Krisenstaat stehen kann.

Die Arbeit für performance-orientierte freie Theatergruppen liegt ihm genauso, stellte er fest und sagt heute: „Ich finde es unzeitgemäß, überhaupt eine Trennung zu machen zwischen freiem Theater und Stadttheater. Ich kenne so viele, die hin und her diffundieren...“ Und auch eine weitere Facette der schauspielerischen Arbeit will Matthias Kelle nicht vernachlässigen: Für die Arte-Produktion „Exit“ stand er kürzlich wieder vor der Kamera, spielte einen Base-Jumper 1000 Meter über dem Erdboden an einer Bergkante auf dem Dachstein. „Ich mag das Theater, weil es live ist, aber ich mag auch den Film, weil man dort mit minimalen Gesichtsbewegungen schon viel ausdrücken kann, die auf der Bühne würden die nur die Kollegen bemerken würden.“

Deshalb hat er mit Anselm Weber verabredet, dass ihm neben dem Engagement im Ensemble noch Zeit für interessante Filmprojekte bleibt. Zeit für den Vater in Berlin, die Mutter in Detmold, die jetzt gern mit Onkels und Tanten zu seinen Premieren anreist, und für die Freundin in Zürich. Matthias Kelle bleibt ein Wanderer zwischen den Welten.