Schmidt-Rahmers grandioses Flüchtlingsstück

Schauspielhaus Bochum

In seinem grandiosen Stück zur Finanzkrise ließ Hermann Schmidt-Rahmer in den Kammerspielen des Bochumer Schauspielhauses die "Gespenster des Kapitals" spuken. Jetzt sind es die Gespenster des alten Europa, Rokoko-Figuren, die sich lustvoll, verängstigt und überreizt den medialen Wogen dessen hingeben, was man Flüchtlingskrise genannt hat.

BOCHUM

, 10.04.2016, 15:00 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die Gespenster des alten Europa in Schmidt-Rahmers grandiosem Flüchtlingsstück in Bochum.

Die Gespenster des alten Europa in Schmidt-Rahmers grandiosem Flüchtlingsstück in Bochum.

Es ist nicht nur eine weitere Inszenierung von Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen", die der Regisseur fulminant auf die Bühne der Bochumer Kammerspiele bringt. Es ist ein Verschnitt mit weiteren Texten der österreichischen Literatur-Nobelpreisträgerin.

Der aktuellste, "Europas Wehr. Jetzt staut es sich aber sehr! (Epilog auf dem Boden)", ist erst im Januar erschienen und als Uraufführung zu erleben.

Doppelmoral

Autorin und Regisseur haben ein feines Sensorium für die Doppelmoral der medialen Diskurse, Diskussionen in Facebook und Reden hinter vorgehaltener Hand: "Die sollen ihre Därme unter der Dusche entleeren und in Schwimmbäder ejakulieren", wispert Jürgen Hartmann verstohlen, als er wie alle Darsteller ständig die Seiten wechselt.

Kurz vorher war er noch "Jürgen aus Marokko" und machte Selfies mit den Zuschauern: "Smartphone hab ich von Domplatte."

Umzäunter Angstraum

Eben war die Bühne (Thilo Reuther) noch ein Symbolraum für deutschen Durchschnitt - beiges Sofa, Billy-Regal, Mittelklasse-Wagen - und wurde von einer Welle orangener Spielpuppen durch einen Mittelmeer-Trichter geflutet. Nach der Pause ist sie ein umzäunter Angst-Raum.

"Es ist April 2016, die Grenzen sind dicht, lasst uns ein Bier trinken gehen," sagt Roland Riebeling, der wie alle Darsteller höchste Intensität erreicht, weil er wohl selbst spürt, wie relevant dieser Abend ist.

 

Termine: 17./27.4., 14./17.5.; Karten: Tel. (0234) 33335555. 

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