Schnupfen oder doch Corona? Eltern fordern Tests für Kita-Kinder

Coronavirus

Aus Angst vor einer möglichen Covid-19-Infektion schicken viele Kindertagesstätten Kinder mit einem Schnupfen nach Hause. Der Deutsche Kitaverband fordert nun Corona-Schnelltests in Kitas.

Berlin

15.07.2020, 13:10 Uhr / Lesedauer: 3 min
Der Deutsche Kitaverband fordert nun Corona-Schnelltests in Kitas.

Der Deutsche Kitaverband fordert nun Corona-Schnelltests in Kitas. © picture alliance/Symbolbild

Was früher als einfaches Erkältungssymptom abgetan wurde, lässt in Corona-Zeiten Alarmglocken schrillen. Die Rede ist von Schnupfen. Schon mehrere Kindertagesstätten in Deutschland haben Kinder aufgrund laufender Nasen nach Hause geschickt – aus Sorge, dass sich hinter diesem Symptom eine mögliche Covid-19-Infektion verbirgt.

Eltern machen ihrer Verständnislosigkeit Luft

Je nach Bundesland ist sogar ein ärztliches Attest beziehungsweise ein negativer Corona-Test notwendig, damit die Kinder wieder in die Kitas gehen dürfen – zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. So heißt es in einem Leitfaden des nordrhein-westfälischen Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration: „Kinder, die eine chronische, nicht akute und nicht ansteckende Krankheit haben (zum Beispiel Heuschnupfen, Allergien), die in ihrer Symptomatik den Krankheitssymptomen von Covid-19 ähneln, sollten bei Vorlage eines entsprechenden ärztlichen Attests, welches die Unbedenklichkeit einer Aufnahme bestätigt, betreut werden.“

Schnupfen ist dritthäufigstes Symptom einer Corona-Erkrankung

Sind diese Maßnahmen wirklich übertrieben? Oder doch sinnvoll, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen? „Das ist völliger Unsinn“, meint Jakob Maske, Kinderarzt in Berlin-Schöneberg und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Schnupfen ist kein typisches Symptom für eine Corona-Erkrankung, sondern ein ganz normales Erkältungssymptom.“

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) treten bei einer Corona-Infektion am häufigsten Symptome wie Husten (48 Prozent) und Fieber (41 Prozent) auf. Schnupfen ist mit 21 Prozent das am dritthäufigsten bemerkte Symptom. „Es lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen zum ‚typischen‘ Krankheitsverlauf machen“, heißt es jedoch im Sars-CoV-2-Steckbrief des RKI.

Erkältung können bis zu zehnmal pro Jahr vorkommen

Bisherige Erkenntnisse gehen davon aus, dass Kinder vergleichsweise mild an Covid-19 erkranken. „Es gibt kaum schwere oder schwerste Verlaufsformen“, sagt Infektiologe Prof. Dr. Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Er gibt aber zu Bedenken, dass der Beruf des Erziehers selbst im Fall einer Corona-Infektion in den Kindergärten kaum zulässt, Abstandsregeln einzuhalten. Zudem sind Kindergartenkinder von der Maskenpflicht befreit, sodass das Virus im schlimmsten Fall ungehindert übertragen werden könne.

Ob es sich beim Schnupfen um eine Corona-Infektion oder eine normale Erkältung handelt, können Erzieher im Einzelfall nicht nachvollziehen. Hinzu kommt, dass Kleinkinder besonders anfällig für Infekte sind. Nach Angaben der BVKJ erkälten sie sich durchschnittlich sechs- bis zehnmal pro Jahr, haben also häufiger Schnupfen oder andere Erkältungssymptome. „Es muss eine klare Regelung von oben geben, wie Kitas mit leichten Symptomen in den nächsten Monaten umgehen sollen“, fordert Maske.

Ressourcen der Eltern sind in Corona-Krise aufgebraucht

„Ich glaube, wir müssen als Gesellschaft wieder eine Sicherheit finden, was ein Covid-19-Symptom ist und was nicht“, sagt Ulrike Grosse-Röthig. Die Bundeselternsprecherin macht vor allem darauf aufmerksam, dass die Ressourcen, die Krankheitstage der Kinder abzufangen, bei vielen Eltern bereits aufgebraucht seien. „An Überstunden und Urlaubstagen ist nicht mehr viel übrig bei den Eltern.“

Grundsätzlich dürfen Eltern sich für die Betreuung ihres kranken Kindes zehn Arbeitstage im Jahr freinehmen. Bis das Ergebnis eines Corona-Tests vorliegt, damit das verschnupfte Kind wieder in die Kita gehen darf, vergehen in der Regel 24 bis 48 Stunden. Damit entfallen bereits zwei der zehn freigenommenen Arbeitstage auf das Warten des Testergebnisses anlässlich einer Erkältung, die bis zu zehnmal pro Jahr vorkommen kann.

„Wir brauchen eigentlich breite Corona-Testkapazitäten, um schnell und effizient testen zu können, und unter Umständen mehr Kinderkrankentage“, sagt Grosse-Röthig. „Zumal die Erkältungssaison eigentlich noch kommt.“


Schnelltests könnten Sorgen der Eltern nehmen

Für Corona-Tests spricht sich auch Waltraud Weegmann, Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbandes, aus. Statt breiter Testkapazitäten fordert sie für Mitarbeiter und Kinder mit Symptomen „sofortige Schnelltests, das heißt 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, mit Ergebnis innerhalb von vier Stunden.“

Auf diesem Weg wüssten die Kita-Mitarbeiter schnell, ob sich ein Kind mit dem Coronavirus infiziert hat oder nicht. „Dieses Vorgehen würde bei Erziehern und Eltern zu mehr Ruhe und Sicherheit führen“, glaubt Weegmann. „Spätestens im Herbst, wenn die ‚üblichen‘ Erkältungskrankheiten wieder verstärkt auftreten, werden wir den Bedenken sonst nicht mehr Herr. Und vorsorgliche Schließungen von Kitas und Schulen müssen wir vermeiden.“

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