Scholl-Latour: "Ukrainer haben verrückt gespielt"

Interview mit dem Russland-Experten

Durch die Besetzung der Krim durch russische Truppen hat sich der Konflikt in der Ukraine verschärft. Der russische Präsident Wladimir Putin wird in der westlichen Welt als Provokateur gesehen, auch wenn er den Einmarsch russischer Truppen bestreitet. Peter Scholl-Latour, Publizist und Russland-Experte, hat eine ganz andere Sichtweise auf den Konflikt und Putin - und rät im Interview dem Westen, sich zurückzuhalten.

BERLIN

von Interview: Andreas Herholz

, 07.03.2014, 11:53 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der Journalist Peter Scholl-Latour rät dem Westen im Ukraine-Konflikt, sich zurückzuhalten und den russischen Präsident Putin ernst zu nehmen. Am 9. März wird Scholl-Latour 90 Jahre alt.

Der Journalist Peter Scholl-Latour rät dem Westen im Ukraine-Konflikt, sich zurückzuhalten und den russischen Präsident Putin ernst zu nehmen. Am 9. März wird Scholl-Latour 90 Jahre alt.

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Zu Sowjetzeiten unter Präsident Chruschtschow ist die Krim der Ukraine geschenkt worden. Das geschah ohne Rücksicht auf die Bevölkerung und war ein willkürlicher Akt. Für Russland ist die Krim ein strategisch unverzichtbares Gebiet. Ein Rückzug von der Krim wäre für Moskau so, als würde man den Amerikanern sagen, sie müssten auf Florida verzichten.

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Russland ist für uns ein viel wichtiger Partner als die Ukraine. Es macht doch keinen Sinn, immer auf Putin einzuschlagen. Putin ist doch als Präsident an der Spitze Russlands das geringere Übel. Er ist relativ europa- und deutschlandfreundlich. Es ist idiotisch, mit ihm immer neue Auseinandersetzungen anzuzetteln.  

Die Ukrainer haben verrückt gespielt und dieses Abkommen verworfen. Die Regierung in Kiew hat sich doch selbst ernannt, ihr fehlt die demokratische Legitimation. Natürlich musste Janukowitsch ersetzt werden, das ist klar. Aber er ist immer noch der gewählte Präsident der Ukraine.

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Die Kanzlerin sollte sich etwas mit ihren Äußerungen zurückhalten. Das ist in dieser schwierigen Lage nicht hilfreich. Was sollen denn derartige Beschimpfungen von Präsident Putin? US-Präsident Obama hat mit seinen Drohnen-Angriffen inzwischen mehr Menschen umgebracht als bei der ukrainischen Revolution ums Leben gekommen sind. Gerade Deutschland sollte sich mit dem moralischen Zeigefinger und Demokratiepredigten etwas zurückhalten. Unser System lässt sich nicht auf alle Staaten übertragen. Wir hätten gute Gründe, uns etwas zurückzuhalten. Vielleicht wäre ein föderativer Staat eine Lösung, in der die unterschiedlichen ethnischen und religiösen Bevölkerungsteile der Ukraine ihre Autonomie zum großen Teil bewahren können.