Schulung will Ärzte auf Terroranschläge vorbereiten

Für den Ernstfall gerüstet?

Die Bilder der Attentate in Paris, Brüssel und Istanbul haben sich bei vielen ins Gedächtnis gebrannt. Mit den Anschlägen in München und Würzburg ist die Serie der Terroranschläge jedoch nun auch in Deutschland angekommen. Ein Seminar soll Ärzte und Krankenhäuser auf den Ernstfall einstellen. Jetzt fand es in Bochum statt.

BOCHUM

13.09.2016, 18:06 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wie soll man sich als Arzt nach einem Terroranschlag verhalten? Wie soll mit Explosions-, Schuss- und Stichverletzungen – und mit den Opfern – umgegangen werden? Diese und weitere Fragen wurden beim Seminar näher beleuchtet.

Wie soll man sich als Arzt nach einem Terroranschlag verhalten? Wie soll mit Explosions-, Schuss- und Stichverletzungen – und mit den Opfern – umgegangen werden? Diese und weitere Fragen wurden beim Seminar näher beleuchtet.

Natürlich hoffe man, dass es nicht zum Schlimmsten kommt. Die jüngsten Ereignisse zeigen aber, dass man vorbereitet sein müsse, sagte Prof. Dr. Richard Viebahn, Direktor der Chirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Knappschaftskrankenhaus in Bochum am Freitag (10.).

Das Ruhrgebiet und auch große Teile von Nordrhein-Westfalen seien aufgrund ihrer Ballung Gebiete, in denen ein Terroranschlag nicht auszuschließen ist. Darin waren sich die meisten der Anwesenden einig. Auch deshalb ist das Interesse an Informationen groß. Während der Vorträge ist es still. Es wird nicht geflüstert oder mit dem Handy gespielt. Gekommen waren rund 80 Chirurgen aus ganz NRW, teilweise sogar aus ganz Deutschland.

Im Zentrum des Seminars steht der Umgang mit Explosions-, Schuss- und Stichverletzungen – und mit den betroffenen Patienten. Doch es geht auch um Fragen, wie die, wie man als einzelner Arzt, aber auch als Krankenhaus mit einer Ausnahmesituation wie einem Terroranschlag umgehen sollte. Ein Terroranschlag sei auch mit einem Katastrophenfall nicht vergleichbar, sagt Dr. Markus Wenning von der Ärztekammer Westfalen-Lippe. Bei einem Terroranschlag ginge es um bewusst herbeigeführte Verletzungen. Wie diese ausfallen können, das stehe „in keinem Lehrbuch“, sagt Wenning, und sei für viele Mediziner auch nach jahrelangen Erfahrungen noch Theorie. Selbst in einem großen Krankenhaus wie dem Knappschaftskrankenhaus in Bochum hätte man es laut Wenning pro Jahr vielleicht einmal mit einer Schussverletzung zu tun: „Jetzt stellen Sie sich vor, plötzlich kommen 30 auf einmal.“

Gespräch mit Ärzten aus Paris

Ein Szenario, dem sich noch vor wenigen Monaten das Pitie-Salpetriere Hospital in Paris stellen musste. Rund 300 Verletzte, die Opfer der Terroranschläge in der französischen Hauptstadt geworden waren, wurden hier in nur wenigen Stunden eingeliefert. 130 Menschen starben in dieser Nacht, wie Chefarzt Prof. Fabrice Menegaux in einer Videokonferenz erinnert. Gemeinsam mit einem Team aus Ärzten, die in der Terrornacht vor Ort waren, informiert er die Teilnehmer darüber, wie vorgegangen wurde – und welchen Verletzungen und auch Schwierigkeiten man sich stellen musste.

Doch es geht weniger um emotionale Erinnerungen oder Momente, die geteilt werden. Erläutert wird, wie man sich in der Klinik in kürzester Zeit bestmöglich an die Situation angepasst hat.

Auch auf die Organisation kommt es an

Hier wie auch im gesamten Seminar wird deutlich, dass es im Terrorfall vor allem auf eine Sache ankommt: die Organisation. Die Arbeit beginnt meistens nicht in den Krankenhäusern, sondern vor Ort. Dort, wo sich das Attentat ereignete, müssen die Notärzte einen klaren Kopf bewahren. Sie müssen Patienten und die Lage sichten. Binnen Sekunden entscheiden, wer sofort und wer später versorgt wird. Das alles geschieht nicht selten unter ungünstigen Umständen und eventuell sogar mit der Angst im Nacken, dass das Schlimmste noch nicht überstanden ist.

Doch: „Die eigene Sicherheit geht immer vor“, sagt Prof. Dr. Rüdiger Smektala vom Knappschaftskrankenhaus bei seinem Vortrag, der die neue Leitlinie „Polytrauma“ (Mehrfachverletzung) näher ins Visier nimmt – die Schwerverletztenversorgung bei plötzlich auftretenden Notfallsituationen. Und er fügt hinzu: „Niemand soll sein eigenes Leben riskieren, um in einer Notfallsituation etwas Heldenhaftes zu tun.“

Ein weiterer, wichtiger Faktor sei auch im Terrorfall jedoch die Kommunikation. Gerade die gestaltet sich in Notsituationen aber oft schwierig. Denn Telefonverbindungen funktionieren meistens nicht. Deshalb sei es wichtig, nicht nur den Ernstfall regelmäßig zu üben, sondern auch die Funktion der Kommunikationskette.

Viele Fragen blieben offen

Doch wie jedes Krankenhaus oder jeder Arzt im Einzelfall handeln soll, darauf gibt es ebenso wenig Antworten wie auf die Frage, wie viele Verletzte ein Krankenhaus im Notfall versorgen kann. „Diese Antwort bleibe ich Ihnen wohl schuldig“, sagt Referent Dr. Christian Mönch vom Westpfalzklinikum aus Kaiserslautern und er fügt hinzu: „Und viele weitere.“

Das Seminar wurde von der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) aus Berlin organisiert. Weitere Termine fanden und finden zurzeit in ganz Deutschland statt. Jedes Seminar wird durch verschiedene Vorträge an das jeweilige Gebiet angepasst. Das Knappschaftskrankenhaus Bochum gehört zu den Kliniken, die in NRW am besten für den Ernstfall gerüstet sind. Hier finden sich zwei Schock- und 14 Operationsräume.