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Im Porträt: Ein Leben mit dem Sterben der Anderen

"Brücke"-Mitgründerin Antje Drescher

Schon als Kind hat Antje Drescher gemerkt, dass Erwachsene nicht mit dem Tod und dem Sterben umgehen können. Das Thema hat sie hingegen immer interessiert. Vor 30 Jahren gehörte die heute 72-Jährige dann in ihrer Wahlheimat Schwerte zu den Mitgründern des Vereins für Sterbe- und Trauerbegleitung "Die Brücke". Ein Porträt.

SCHWERTE

, 02.04.2016
Im Porträt: Ein Leben mit dem Sterben der Anderen

Antje Drescher (72) hat den Verein für Trauer- und Sterbebegleitung "Die Brücke" mitgegründet. Dass die meisten Menschen große Probleme haben, über die Themen Tod und Sterben zu sprechen, ist der gebürtigen Hamburgerin schon als Kind aufgefallen.

„Mein Vater sei gefallen, haben sie mir erzählt“, erinnert sich die 72-Jährige an das Ende der 40er-Jahre in Hamburg, wo ihre jung verwitwete Mutter wieder geheiratet hatte. „Wer fällt, steht doch wieder auf, dachte ich und begriff es nicht.“ 

Als ein paar Jahre später ein Klassenkamerad an Leukämie starb, erzählten die Lehrer, er sei auf eine lange, lange Reise gegangen. „Mit war gleich klar, dass daran irgendwas nicht stimmen konnte, dann hätte er mir nämlich geschrieben.“ Loki Schmidt, die spätere Bundeskanzler-Gattin, sei eine der wenigen Lehrkräfte gewesen, die mit ihren Schülern offener über die Vergänglichkeit des Lebens geredet habe.

Der Tod drängte sich in den Vordergrund - mal wieder

Das Leben hatte für die junge Hamburgerin mit Handballtalent nach der Schule zunächst eine Ausbildung bei einer Bank zu bieten. Sie habe Krankenschwester werden wollen, erinnert sie sich, aber der Stiefvater, ein Beamter, habe die „sichere“ Bank für die Tochter bevorzugt. Als junge Ehefrau kam sie mit ihrem Mann 1965 nach Schwerte, der Kaufmann war hierher versetzt worden. Hier waren Ende der 60er-Jahre ihre Kinder zur Welt gekommen, als sich 1975 plötzlich mal wieder der Tod in den Vordergrund drängte: „Eine befreundete Nachbarin erkrankte an Krebs. Die Nachbarschaft hat sich auf unterschiedlichste Weise gekümmert, sodass die Frau zu Hause, in ihrem eigenen Umfeld, in der Nähe ihrer zehn- und zwölfjährigen Kinder und ihres Mannes, sterben konnte.“

Das Sterben zu Hause, die Hospizbewegung in England und Amerika – sie habe in den nächsten Jahren die Informationen aufgesogen wie ein Schwamm, berichtet Antje Drescher. 1986 gab es dann kein Halten mehr: Mit 30 anderen Schwertern fand sie sich bei einem Vortrag von Pfarrer Dieter Wentzek wieder, der über die Schwierigkeiten des Sterbens im Krankenhaus berichtete.

Nie danach fragen, wie viel Lebenszeit noch bleibt

Antje Drescher: „Wir haben uns dann ein Jahr lang weiterhin getroffen, übrigens wie heute auch noch an jedem ersten Mittwoch im Monat.“ 1988 folgte der Beitritt der Gruppe zu „Omega“, dem bundesweit tätigen Verein für ehrenamtliche Sterbebegleitung. Da hatte Antje Drescher bereits ihre erste Sterbebegleitung hinter sich und gelernt, nie mehr zu fragen, wie viel Lebenszeit einem Patienten wohl bleiben möge. „Ein paar Wochen, sagte mir das Pflegepersonal im Frühsommer. Doch der Krebs besiegte den Mann erst im Dezember endgültig. Seitdem frage ich nie mehr.“

In den kommenden Jahren wuchsen die Zahl der Begleitungen und die Wucht der Verantwortung, die Antje Drescher und andere Schwerter im Omega-Bundesvorstand übernahmen. 1999 dann der Bruch: „Geld, Macht und Neid spielten bei Omega plötzlich eine große Rolle. Das passte nicht zu den ethischen Werten, für die der Verein stand. Da habe ich mich gelöst“, berichtet Antje Drescher im Rückblick. Auch die anderen Mitstreiter aus Schwerte verließen Omega – und gründeten im Jahr 2000 den Verein „Die Brücke“, dem aktuell 138 Mitglieder angehören.

Auch trauernde Kinder nicht vergessen

Zur klassischen Sterbebegleitung sind im Laufe der Zeit die Tätigkeitsfelder Trauerarbeit und Besuchsdienst in Alteneinrichtungen hinzugekommen. Schwerte hat inzwischen ein stationäres Hospiz und den Verein Leuchtturm, der sich um trauernde Kinder kümmert. „Die Angebote ergänzen sich gut, wir stehen nicht in Konkurrenz zueinander“, berichtet Antje Drescher und ergänzt: „Wir brauchen das alles.“ Die Einrichtungen und Gruppen sind gut vernetzt, man kennt und schätzt einander.

So erwarten Antje Drescher und ihre Mitstreiter in einem Vorstand, der keinerlei Nachwuchsprobleme zu beklagen hat, zum Geburtstagsfest am 23. April eine Menge Gäste. Antje Drescher: „Wir freuen uns auf einen Tag des Dankes für die Öffentlichkeit. Es soll ein fröhlicher Tag werden.“

"Die Brücke" feiert das 30-jährige Bestehen am Samstag, 23. April, von 11 bis 17 Uhr im Paul-Gerhardt-Haus, Ostberger Straße 55. Alle Schwerter sind eingeladen. Der Eintritt ist frei.
11 Uhr: Gottesdienst mit den Pfarrerinnen Friederike Jetzschke und Claudia Bitter.
12.15 Uhr: Begrüßung und Grußworte.
13.45 Uhr: Musik mit Simone Asua-Honert (Gesang) und Marianne Richters (Klavier).
14 Uhr: Podiumsgespräch mit Pfarrer Dieter Wentzek: „Spirituelle Zugänge in der Begleitung“.
15.15 Uhr: Kirchenkabarett mit „Hermann & Putzler“.
15.45 Uhr: Taizé-Chor Schwerte, anschließend Kaffee und Kuchen.

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