Selfies im Museum erlaubt

Fotoverbot weicht auf

Früher fühlte man sich als Museumsbesucher oft verfolgt wie ein Verdächtiger. In allen Räumen saßen dunkel gekleidete Aufpasser und überwachten streng, dass die Vorschriften wie „Kunstwerke nicht berühren“ oder „Fotografieren verboten“ eingehalten wurden. Doch in Zeiten von Digitalkamera und Smartphone lässt sich das Fotografierverbot kaum noch durchsetzen.

DORTMUND

von Von Jennifer Riediger / dpa

, 28.10.2014, 16:57 Uhr / Lesedauer: 2 min
Mit Smartphones machen vor allem Jugendliche überall von sich Selbstporträts, sogenannte »Selfies«. Auch viele Museen erlauben diese mittlerweile.

Mit Smartphones machen vor allem Jugendliche überall von sich Selbstporträts, sogenannte »Selfies«. Auch viele Museen erlauben diese mittlerweile.

Schlechte Erfahrungen hätte das Museum mit der Fotografiererlaubnis, die es seit ungefähr zwei Jahren gibt, keine gemacht. Auch im Kunstmuseum Bochum dürfen Besucher ohne Blitz und Stativ Aufnahmen machen. „Wir können und wollen es gar nicht verhindern. Die Leute sollen mit der Kunst leben, die Bilder ihren Freunden zeigen oder als Bildschirmschoner nutzen. Das ist ja auch Werbung für uns“, sagt Kunstmuseum-Sprecher Thomas Hensolt. Nur zuletzt, in der Installation von Gregor Schneider, durfte nicht fotografiert werden. „Der Besucher selbst soll den Raumeindruck haben. Der Überraschungseffekt soll ihm nicht durch Fotos genommen werden.“ Indem nur ohne Stativ und ohne Blitz fotografiert werden darf, versuchen die Museen, eine kommerzielle Nutzung der Aufnahmen zu verhindern. Denn verkauft werden dürfen die Bilder auf gar keinen Fall, aus urheberrechtlichen Gründen. Bei alten Werken kann das Blitzlicht zudem den empfindlichen Farbpigmenten schaden. So darf die 3500 Jahre alte Büste der Nofretete in Berlin nicht mehr fotografiert werden. Anfang 2010 hob das Neue Museum die Fotografiererlaubnis auf, weil die meisten Besucher beim Ablichten der ägyptischen Schönheit das Blitzverbot missachtet hatten.

Doch nicht nur das Blitzlicht schadet Kunstwerken. Im März diesen Jahres zerstörte Medienberichten zufolge ein Student in Mailand die Skulptur eines nackten Jünglings, als er für ein Selfie (Selbstporträt) auf den Schoß der Figur kletterte. Glück im Unglück war, dass es sich bei dem beschädigten Kunstwerk nicht um eine antike Statue, sondern nur um eine Nachbildung aus dem frühen 19. Jahrhundert handelte. Wie mit dem Fotografieren in ihrem Museum zukünftig umgegangen werden soll, diskutiert das Team des Museums Ostwall im Dortmunder U immer wieder. Bisher gelte hier das Fotografierverbot, vor allem weil die Bildrechte-Frage nicht geklärt sei, sagt die stellvertretende Direktorin Regina Selter. „Andererseits müssen wir uns auch mit der medialen Entwicklung auseinandersetzen.“

Matthias Henkel, der zum Vorstand des Internationalen Museumsrates ICOM Deutschland gehört, plädiert noch aus einem anderen Grund dafür, Kameras weiterhin nur in Ausnahmefällen zu erlauben. Viele Menschen nähmen die Welt nur noch durch ihre Kameras wahr, beklagt er. „Im Museum haben sie die Chance, sich entschleunigt mit Originalen auseinanderzusetzen. Es geht um die Bilder, die im Kopf entstehen.“

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