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Wie der Envio-Giftmüllskandal ein Leben zerstört hat

Ex-Mitarbeiter mit PCB im Blut

Die Bombe platzt im Mai 2010. Jürgen Schwantes aus Selm ist in seinem Auto unterwegs und hört zufällig im Radio von der Schließung des Entsorgungsunternehmens Envio im Dortmunder Hafen, für das er seit fünf Jahren arbeitet. Der nun folgende Giftmüllskandal ändert alles in Schwantes Leben - bis heute.

SELM

, 20.08.2014

Mehr als vier Jahre ist es her, dass der Skandal um das mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) verseuchte Dortmunder Gelände der Entsorgungsfirma Envio nahezu täglich Schlagzeilen machte. Der Umweltskandal beschäftigt die Öffentlichkeit über mehrere Jahre. Gerichtsverfahren, Gutachten, immer neue Ergebnisse über die Reichweite der Belastungen. Und Jürgen Schwantes steckt mittendrin im Geschehen.Selmer leidet unter schädlichen Chemikalien Fünf Jahre hat er auf dem mit dem Gift belasteten Gelände gearbeitet. Ohne nennenswerte Schutzkleidung, wie er sagt. Noch 2010 bekommt Jürgen Schwantes das Ergebnis dieser Arbeit schwarz auf weiß. Der PCB-Wert in seinem Blut ist damals um das 13.000-fache höher als beim Durchschnitt. Zwei Jahre später ist der Wert noch immer um 11.000 Mal so hoch. Sieben Aktenordner voll mit Untersuchungsergebnissen, Anträgen und Gutachten füllen die Schränke des heute 56-jährigen Mannes. Und dennoch ist die Ungewissheit das Schlimmste. Schwantes weiß nicht, was mit ihm passieren wird, was die Chemikalien in seinem Körper auf Dauer anrichten. Wie lange kann er damit leben? Wird er Krebs bekommen oder andere Krankheiten?

Jürgen Schwantes hofft, sein Haus weiter abbezahlen zu können. Er geht nicht mehr arbeiten. Seine Frau bringt das einzige Einkommen nach Hause. Wenn Envio im Lebenslauf auftaucht, habe er keine Chance, meint Schwantes. Gleichzeitig laufen Verfahren, unter anderem kämpft er um eine Erwerbsminderungsrente. Die Auswirkungen des PCB-Skandals seien deutlich spürbar. Schwantes berichtet von Schlafstörungen, Depressionen, massiven Zukunftsängsten. Seit drei Jahren sei er in psychotherapeutischer Behandlung. "Es ist die Belastung, dass man nicht weiß, was noch kommt", sagt Schwantes immer wieder.

Zweimal musste sein Haus grundgereinigt werden, Geräte wie die Waschmaschine ausgewechselt werden. Bezahlt hat das die zuständige Berufsgenossenschaft. Aber immer wieder haben er und seine Frau darum kämpfen müssen, dass das Zuhause gereinigt wird, erzählt Jürgen Schwantes. Der Kampf um Entschädigung sei aber ein Kampf gegen Windmühlen. Am Anfang sei es besonders schlimm gewesen, Immer wieder bebt Jürgen Schwantes Stimme, nicht nur aus Verzweiflung, auch vor Wut. "Das ist ein aussichtsloser Kampf gegen die Bürokratie. Ein Gutachterkrieg." Um alles müsse er kämpfen. Dabei will er nur entschädigt werden, für das, was ihm geschehen ist.

Die Folgen von PCB
Eine Belastung mit Polychlorierten Biphenylen (PCB) an sich führe nicht zwangsläufig zu einer Erkrankung, sagt der Arbeitsmediziner Prof. Thomas Kraus vom Institut für Arbeitsmedizin und Sozialmedizin der Universität Aachen. Aber: Je höher die Belastung mit PCB sei, desto wahrscheinlicher werde eine Erkrankung. Zu den aus der Literatur bekannten Folgen der Belastung zählen Hautveränderungen, Schäden am Immun- und Nervensystem sowie eine beeinträchtigte Schilddrüsenfunktion. 2013 habe die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) außerdem PCB als gesichert krebserregend für den Menschen eingeordnet. PCB sind Chemikalien, die nicht in der Natur vorkommen.

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