Sensation aus Südkorea: Oscar-Sieg für „Parasite“

Film-Preise

„Parasite“ des Südkoreaners Bong Joon-ho gewinnt den Oscar in der Königskategorie, Brad Pitt und Renée Zellweger holen sich die Schauspiel-Trophäen. Was noch an diesem Oscar-Abend geschah.

Los Angeles

von Stefan Stosch

, 10.02.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Sensation aus Südkorea: Oscar-Sieg für „Parasite“

Bong Joon-ho erhielt Oscars für seinen Film "Parasite" in den Kategorien "Beste Regie","Bestes Originaldrehbuch", "Bester Film" und "Bester fremdsprachiger Fil" (Auslands-Oscar). © picture alliance/dpa

An diesem denkwürdigen Oscar-Abend wäre es schön gewesen, Koreanisch zu können. Gleich vier Dankesreden in der Sprache waren zu hören. Und am Ende wurde tatsächlich eine historische Angelegenheit daraus: „Parasite“ von Bong Joon Ho gewann den Oscar in der Königskategorie als bester Film. Dieses Kunststück war bis dahin in der 92-jährigem Oscar-Geschichte noch keinem einzigen nicht englischsprachigem Film geglückt.

Hollywood umarmte die Filmwelt da draußen, die das US-Kino sonst bestenfalls als Talente-Genpool ins eigene Land holt. Damit hätte wohl kaum jemand gerechnet bei dieser zunächst an Überraschungen armen Veranstaltung. Joaquin Phoenix („Joker“) und Renée Zellweger („Judy“) waren beinahe gebucht auf die Hauptdarsteller-Oscars und holten sich diese dann auch programmgemäß ab.

Ungewöhnliche Rede von Joaquin Phoenix

Allerdings war da noch Phoenix‘ ungewöhnliche Rede, in der er sich gar nicht erst mit Danksagungen aufhielt. Er brandmarkte die Menschen als ausbeuterische, rassistische, homophobe Spezies - und machte das an allen Milchtrinkern fest, die Kühen und den von ihnen getrennten Kälbern so viel Schmerz zufügen. „Wir haben uns weit entfernt von der natürlichen Welt“, so der Schauspieler. Dabei seien Menschen doch so erfinderisch - und dann am besten, wenn sie einander unterstützten.

Sensation aus Südkorea: Oscar-Sieg für „Parasite“

Brad Pitt erhielt einen Oscar als bester Nebendarsteller. © picture alliance/dpa

Bei den Nebendarstellern siegten ebenfalls die wahrscheinlichsten Kandidaten: Brad Pitt war so cool wie stets, auch wenn er mit Quentin Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ tatsächlich seinen ersten Schauspieler-Oscar einheimste - bislang nannte er eine Trophäe als Produzent von „12 Years A Slave“ sein Eigen. Pitt bedankte sich auch bei seinem Co-Star Leonardo DiCaprio: „Leo, ich schwimme gern jederzeit auf deiner Erfolgswelle mit. Die Aussicht ist fantastisch.“

Laura Dern hatte mit ihren Oscar für „Marriage Story“ gleich das perfekte Geschenk zu ihrem 53. Geburtstag in die Hand gedrückt bekommen - und nebenbei Netflix eine Freude bereitet: Wie schon bei den Golden Globes ging der Streamingdienst trotz vieler Nominierungen weitgehend leer aus. Lediglich die Doku „American Factory“ holte sich noch eine Trophäe - mitproduziert von Michelle und Barack Obamas neuer Firma.

Die Sensation deutete sich an, als Bong Joon-ho sich den Regie-Oscar sicherte - die beiden Preise fürs Originaldrehbuch und den besten internationalen Film hatte er da schon gewonnen mit seiner Sozialsatire über eine arme Familie, die sich bei einer reichen einnistet. Spätestens jetzt musste dem mit seinem Kriegsfilm „1917“ als Favorit gehandelten Sam Mendes Böses schwanen.

Rede für Martin Scorcese

Für einen anderen Verlierer des Abends hielt der Südkoreaner oben auf der Bühne zumindest einen kleinen Trost bereit: Martin Scorsese („The Irishman“) sei immer sein großes Vorbild gewesen, ließ der Südkoreaner den sichtlich gerührten US-Kollegen unten im Publikum wissen.

Mit ihrem finalen Coup rettete die Acedemy nicht zuletzt auch den Anspruch an sich selbst. Denn bis dahin lautete die eigentliche Frage des Abends: War diese Oscar-Show jetzt eher selbstironisch oder doch scheinheilig? Manches sprach für Letzteres. Erst hatte die Oscar-Academy (fast) nur Weiße und Männer nominiert, und dann zogen ihre prominentesten Mitglieder über die eigenen Vorentscheidungen her - mal in ernstem und meist in spöttischem Ton.

Die Laudatoren Chris Rock und Steve Martin beklagten in ihrem Eingangsdialog „fehlende Vaginas“ in der nur mit Männern bestückten Regie-Kategorie - und erinnerten sarkastisch an die mageren historischen Fortschritte des eigenen Vereins: Beim ersten Oscar 1929 sei kein einziger schwarzer Kandidat in den Schauspielkategorien dabei gewesen, 2020 immerhin eine Nominierte - Cynthia Erivo mit dem Sklavenfluchtdrama „Harriet“.

Portman kommt mit Umhang mit Namen von Regisseurinnen darauf

Natalie Portman hatte sich die Namen von Filmemacherinnen in goldener Schrift einnähen lassen, die von der Academy ignoriert worden waren - vorneweg: Greta Gerwig („Little Women“). Und mindestens jeder Dritte auf der Bühne beklagte die mangelnde Diversität, für die sich die knapp 9000 Academy-Mitglieder vorab eben nicht entschieden hatten.

Die Oscars 2020 zeigten sich mitten im Umbruch. Noch einmal wurden die Streamingdienste in Schach gehalten. Noch einmal hatten Frauen und Schwarze das Nachsehen. Doch als es darum ging, künstlerische Kreativität außerhalb des ermüdenden Superheldenzirkus Hollywood zu würdigen, zeigte die Oscar-Academy Herz und Verstand. Das lässt hoffen für die Zukunft.

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