Sexueller Missbrauch: 7 Priester im Bistum Paderborn dürfen ihr Amt nicht ausüben

rnMissbrauch in der Kirche

Sieben Priester im Erzbistum Paderborn dürfen derzeit nicht als Seelsorger tätig sein. Grund sind Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs. Die Zahl beschuldigter Priester ist noch viel höher.

Paderborn

, 13.02.2020, 16:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

32 Männer und Frauen haben sich im vergangenen Jahr beim Erzbistum Paderborn gemeldet, mit dem Vorwurf, als Kinder oder Jugendliche von einem katholischen Seelsorger missbraucht worden zu sein.

Diese neuesten Zahlen nannte in dieser Woche Dr. Petra Lillmeier, Interventionsbeauftragte des Erzbistums Paderborn, bei einer Pressekonferenz im Paderborner Generalvikariat.

Dabei machte sie deutlich, dass es sich in ihrer Schwere um höchst unterschiedliche Fälle handelt. Die Vorwürfe richteten sich gegen 29 Personen. Von ihnen, so Lillmeier, seien dem Bistum elf Priester bereits durch Beschuldigungen bekannt gewesen. Diese elf seien bereits gestorben. Gegen neun weitere, inzwischen ebenfalls tote Priester seien erstmals Vorwürfe erhoben worden. Sieben weitere seien noch am Leben. „Von ihnen befindet sich keiner im aktiven Dienst“, sagt Lillmeier. Von zwei Beschuldigten sei der Name nicht bekannt.

Die meisten Taten liegen lange zurück

Der Großteil der Anschuldigungen betrifft lange zurückliegende Zeiten. Die meisten Fälle sollen sich in den 1960er-Jahren zugetragen haben. Für die Zeit zwischen 2000 und 2019 habe es im vergangenen Jahr nur eine einzige Anzeige gegeben.

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Seit Januar 2019 hat Petra Lillmeier (54), studierte Lehrerin, promovierte Pädagogin und zuletzt in der Lehrerfortbildung tätig, die neu geschaffene hauptamtliche Stelle der Interventionsbeauftragten des Bistums inne. Dabei arbeitet sie eng mit den beiden ehrenamtlichen Missbrauchsbeauftragten des Bistums, Gabriela Joepen (Paderborn) und Prof. Dr. Martin Rehborn (Dortmund) zusammen. Ihre Arbeit, so sagt sie nach einem guten Jahr im Amt, sei sehr belastend. Das gelte sowohl im Umgang mit den Betroffenen als auch im Umgang mit den Angeschuldigten.

Begleitung vor Aufklärung

Bei allem sei das höchste Ziel die Begleitung der Betroffenen. Aufklärung nur um der Aufklärung willen wolle man nicht. Deshalb gebe man zwar grundsätzlich alle Verdachtsfälle an die Staatsanwaltschaft weiter, mache aber eine Ausnahme: „Wenn die Betroffenen es nicht wollen, machen wir das nicht. Wir wollen auf jeden Fall eine Retraumatisierung der Betroffenen vermeiden.“ Sie habe bisher, so sagt Lillmeier, zwei solcher Fälle erlebt.

Dabei sei es durchaus nicht immer einfach, zu unterscheiden, wo eine Grenze zur Strafbarkeit überschritten ist, sagt Lillmeier und nennt ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: „Da ging es um einen Sportlehrer und eine Hilfestellung im Turnunterricht. Ist das nur einmal vorgekommen, dann genügt vielleicht ein pädagogisches Gespräch mit. Wenn es immer wieder vorkommt, ist das eine Grenzüberschreitung und es sieht anders aus.“

Man müsse immer unterschieden: Liegt hier ein sexuell übergriffiges Verhalten vor? Oder eine sexuelle Grenzüberschreitung? Oder definitiv strafbarer Missbrauch? Die Grenzen seien oft fließend und jeder Einzelfall sei wieder anders.

Strukturiertes Verfahren gegen Vertuschung

Damit hier nichts von ein oder zwei Menschen vertuscht werden könne, gebe es inzwischen ein sehr strukturiertes Verfahren, wenn sich jemand meldet und von einem sexuellen Missbrauch berichtet. „Als erstes werden von den Missbrauchsbeauftragten und mir nur ganz grob die allerersten Fakten geprüft: Gab es diesen Menschen überhaupt? War dieser Mensch in dem angegebenen Ort zur fraglichen Zeit eingesetzt? Und ist der Vorwurf überhaupt plausibel, beispielsweise, wenn es um den Vorfall in einer Schule geht: Gab es seinerzeit am fraglichen Ort überhaupt eine kirchliche Schule?

Sofern diese groben Fakten stimmig seien, befasse sich eine Gruppe im Generalvikariat mit dem Fall. Ihr gehörten der Generalvikar, dessen persönlicher Referent, zwei Vertreter der Pressestelle, ein Kirchenrechtler, ein Qualitäts- und Beschwerdebeauftragter, die beiden Missbrauchsbeauftragten und die Interventionsbeauftragte an. Dort werde das weitere Vorgehen beraten.

Dann folgen Gespräche mit den Betroffenen, sagt Lillmeier: „Immer zu zweit, das Gespräch wird protokolliert“. Sind Kleriker als Angeschuldigte betroffen, gebe es ein Gespräch, an dem vom Bistum der Generalvikar, der Personalchef, ein Kirchenrechtler und die Interventionsbeauftragte teilnehmen. „Der Beschuldigte darf natürlich auch jemanden mitringen, der ihn unterstützt.“

Kirchliches Verfahren auch nach staatlicher Verjährung

Sobald es den Verdacht gebe oder auch nur den Zweifel, dass da vielleicht eine strafbare Handlung vorliegen könne, gebe man den Fall an die Staatsanwaltschaft weiter. „Das geschieht auch in den Fällen, bei denen der Angeschuldigte bereits verstorben oder die Tat verjährt ist“, sagt Lillmeier. Im Fall des Todes oder der Verjährung ermittle die Staatsanwaltschaft nicht weiter und stelle das Verfahren ein: „Das kirchenrechtliche Verfahren läuft aber unabhängig davon weiter“, sagt Lillmeier.

Was die Betroffenen angehe, so könnten diese eine sogenannte Anerkennungsleistung beantragen. „Wir sprechen hier ausdrücklich nicht von Schadenersatz“, sagt Lillmeier, „wie wir auch nicht von Opfern, sondern von Betroffenen reden, weil sie das selbst so wünschen.“

Schweigen über Anerkennungszahlungen

Die Höhe dieser Leistung bestimme das Bistum nicht selbst, vielmehr lege das Bistum jeden Fall der Zentralen Koordinierungsstelle in Bonn vor, die mit Psychologen, Juristen und Theologen besetzt ist. Diese Stelle prüfe den Einzelfall und spreche eine Empfehlung über die Höhe der zu zahlenden Leistung an Betroffene aus. „Dieser Empfehlung folgt dann das Bistum und zwar immer“, sagt Lillmeier. Zur Höhe der bisher geleisteten Zahlungen an Betroffene wollte sich das Bistum nicht äußern.

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