Siegals „Model“: Tänzer legen den Turbo ein

Ruhrtriennale

Wer den sintflutartigen Regen am Samstagabend durchquert hatte, den erwartete im Salzlager der Essener Kokerei Zollverein gleich der nächste Donnerschlag. Die Uraufführung des Tanzstücks "Model" von Richard Siegal als Teil der Ruhrtriennale war laut, rockig, düster, sexy - und richtig klasse.

ESSEN

, 16.08.2015, 11:46 Uhr / Lesedauer: 1 min
Siegals „Model“: Tänzer legen den Turbo ein

„Metric Dozen“ ist toll getanzt.

Mit einem Knall geht das Licht aus. Die zehn Tänzer posieren in Lichtpunkten, oft provokant mit vorgestellter Hüfte und abgeknickten Händen. Sie scheinen zu fragen: Bin ich schön?

Tatsächlich sind die sechs Männer und vier Frauen des Bayerischen Staatsballetts und aus Siegals eigener Compagnie "The Bakery" nicht nur perfekt trainiert, sondern Kostümbildnerin Alexandra Bertaut hat sie auch in extrem schicke, schillernde T-Shirts gekleidet.

Jubelndes Publikum

In Gruppen queren sie den Tanzteppich nach anscheinend mathematischen Regeln - der Titel des ersten Teils lautet "Metric Dozen" (Metrisches Dutzend) -, das Licht gibt die Laufstege vor. Wir sehen eine kalte Disco-Gesellschaft, die uns immer schneller entgegen tanzt, beherrscht von Schönheit, Eitelkeit und Geschwindigkeit. 

Das ist Ballett wie auf Speed, Tanz im Turbo-Tempo und entfaltet eine hypnotische Sogwirkung, die nach 30 Minuten ein verblüfft ächzendes, jubelndes Publikum bei der Ruhrtriennale zurücklässt.

Schön schrecklich

Doch das ist dem Choreografen Richard Siegal, der 2012 den Theaterpreis "Faust" gewann, nicht genug. Er hatte im Vorfeld Dantes "Göttliche Komödie" studiert. Und so geht es nach der (bei der Premiere viel zu langen) Pause zur Hölle mit dem Ballett.

Im Stück "Model" (Vorbild) tragen die Tänzer weiße Trikots, so in Streifen geschnitten, dass man Skelette assoziiert. Die elektronische Musik von Lorenzo Bianchi Hoesch lässt an Gewehrsalven denken.

Im Licht von LED-Flächen entfaltet sich ein schön-schreckliches, 40-minütiges Panorama des Kämpfens, des Leidens und der Einsamkeit, brillant getanzt, furchterregend und für den Betrachter anstrengend, aber auch reinigend.

Zum Schluss zeigen die Lichtflächen Worte des Autors Jorge Luis Borges: "Ein Antlitz... wird für die Verworfenen Hölle sein, für die Erwählten Paradies." Dazu zeigt die LED-Wand das Gesicht eines friedlich schlummernden Babys. Also: Es gibt noch Hoffnung.

 

Bis 22.8., leider ausverkauft. Ohrstöpsel an der Garderobe.

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