Simon Rattle dirgierte turbulenten Totentanz in Dortmund

"Le Grand Macabre"

Dass Oper so viel Spaß machen kann: Willkommen im Breughelland von Ligetis Anti-Oper "Le Grand Macabre" und der Atomkatastrophen-Vision von Regisseur Peter Sellars. Der lud zum Auftakt der Ruhr-Residenz der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle am Donnerstag, 23. Februar, im Konzerthaus Dortmund zu einem Kongress für Nukleartechnologie ein.

DORTMUND

, 24.02.2017 / Lesedauer: 2 min
Simon Rattle dirgierte turbulenten Totentanz in Dortmund

Venus hängt am Tropf, das Volk (Orchester und der großartige Rundfunkchor Berlin) rebelliert.

Weißkittel versammeln sich zwischen Giftfässern zur Apokalypse der Oper, Wahrsager Astrodamors (großartig gesungen von Frode Olsen) und seine Frau Mesaclina (Wagner-Heroine Heidi Melton) hacken Beleidigungen in die Laptops. Der Tod (toller Bass: Pavlo Hunka) und sein Sancho Pansa Piet vom Fass (herrlich schelmisch: Peter Hoare) hecken den Weltuntergang aus.

Das Volk rebelliert schöner als in jedem Monty-Python-Film, und wenn die Sänger in der Schluss-Passacaglia "Fürchtet den Tod nicht, gute Leut', irgendwann kommt er, doch nicht heut'" anstimmen und im Video Kühe auf der grünen Wiese dazu im Takt mit dem Schwanz wedeln, hat das was von Operettenseligkeit.

Irrwitziger Jahrmarkt

Diese Ligeti-Oper ist alles: Groteske, Drama, ein irrwitziger Jahrmarkt fürs Orchester, eine Farce für die Sänger. Eine tragische Komödie oder eine komödiantische Tragödie. Countertenor Anthony Roth Costanzo ist dabei der anrührend naiv gesungene Fürst, Audrey Luna die Venus, die im Bett schmerzvoll stirbt.

Anna Prohaska und Ronita Miller sind das Paar, das der Liebe frönt, während Sellars auf der Leinwand zeigt, wo und wann auf der Welt bis heute 2058 Atomkraftwerke gebaut wurden.

Instrumente mit menschlicher Stimme

Jedes Instrument hat in der Oper eine fast menschliche Stimme: Die Posaunen rülpsen, die Flöte ächzt, Schlagwerker rascheln mit Tüten, die Streicher flirren Endzeit herbei. All das und die Korrespondenzen zwischen Sängern und Musikern sah man mit dem Orchester auf der Bühne besser als in einem Opernhaus.

Und wenn einer dieses Mikrokosmos-Puzzle perfekt zusammenfügen kann, dann Rattle. So großartig alle Facetten der Musik - vom kammermusikalischen Kalauer bis zur Parsifal-Weihe - aufzufächern, war einzigartig.

Raus aus Hörgewohnheiten

Die Oper und der erste Teil des Samstagskonzerts passen perfekt zum Dortmunder Saisonmotto "Raus aus Deinen Hörgewohnheiten". Wenn man sich darauf einlässt, überwältigt es. Aber nicht alle haben zweieinhalb Stunden durchgehalten.

Am Samstag, 25.2.17, 20 Uhr, noch einmal in der Philharmonie Essen; Karten: Tel. 0201-8122200.