Simons’ „Accattone“: Requiem für einen Sünder

Ruhrtriennale

Im Vorfeld gab es Proteste wegen des Plakats, das zwischen dem Slogan "Arbeit stinkt" den nackten, mit einem Porträt des dornenbekrönten Jesus gezierten Oberkörper eines Mannes zeigt. Am Freitagabend nun eröffnete das zugehörige Stück "Accattone".

DINSLAKEN

, 16.08.2015, 13:38 Uhr / Lesedauer: 1 min
Simons’ „Accattone“: Requiem für einen Sünder

Steven Scharf als Hauptdarsteller Accattone (2.v.r.) und Benny Claessens als „Das Gesetz“ (r.) in „Accattone“. Die Inszenierung von Johan Simons, zu sehen bei der Ruhrtriennale 2015 in Dinslaken, war in der engeren Auswahl für das Berliner Theatertreffen.

Das Stück nach dem gleichnamigen Film von Pier Paolo Pasolini eröffnete in der Kohlenmischhalle der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken die erste Ruhrtriennale des dabei auch Regie führenden niederländischen Theaterintendanten Johan Simons.

Die großzügige Einbeziehung von geistlichen Arien, Chören und Chorälen von Johann Sebastian Bach machte das Werk zu einer Art musikalischen Passionsgeschichte des Arbeitsverweigerers Accattone. Eines Mannes, der sich als Zuhälter, Spieler, Bettler und Dieb durchs Leben schlägt und doch auffällig häufig Bibelverse auf den Lippen trägt.

Hoffnungslose Tragödie

Schon Pasolinis Film von 1961 provozierte, indem seine hoffnungslose Tragödie mehrfach Bachs Chorsatz "Wir setzen uns mit Tränen nieder" aus der Matthäus-Passion zitierte, wenn auch nur orchestral.

Simons' Inszenierung nun wird da viel konkreter, denn er lässt für seinen immer mehr herunterkommenden und schließlich auf der Flucht vor der Polizei sterbenden Hauptdarsteller ganze Sätze aus unterschiedlichen, um Leben, Tod und Auferstehung kreisenden Bach-Kantaten singen.

Die Beteiligung der renommierten Vokalsolisten Dorothee Mields, Alex Potter, Thomas Hobbs und Peter Kooij sowie von Chor und Orchester des Collegium Vocale Gent unter Leitung von Philippe Herreweghe adelt die Produktion durch wohltönende, geballte Barock-Kompetenz, sorgt aber auch dafür, dass der Abend auf zweieinhalb pausenlose Stunden anwächst. Pasolini kam noch mit knapp zwei Stunden aus.

Komplette Halle bespielt

Beeindruckend ist, wie es Simons schafft, die riesige, 210 Meter lange, nach hinten offene Lohberger Kohlenmischhalle in ihrer Gänze zu bespielen. Statt Pasolinis italienischem Neorealismus bedient er sich dafür einer manchmal schon an Tanztheater angrenzenden Stilisierung.

Neben dem großartigen Steven Scharf als aufopferungsvoll agierendem Accattone ist hier vor allem Benny Claessens hervorzuheben, etwa in seinem mit Hebe- und Schleuderfiguren aufwartendem Kampf als Neapolitaner Salvatore mit der Prostituierten Maddalena (Sandra Hüller).

 

Wegen des Schotterbodens und der zugigen Halle wird wetterfeste Kleidung empfohlen. Termine: 19./20./22./23.8.; Karten: Tel. (0221) 280210.

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