Skandalregisseur Jonathan Meese möchte mit seiner „Lolita“ in Dortmund Deutschland retten

rnUraufführung am Schauspiel Dortmund

Der Kunst-Provokateur präsentiert im Dortmunder Schauspielhaus die Uraufführung seines Kunst-Spektakels, das an jedem Abend anders sein wird. Aber man muss Meese einfach mögen.

Dortmund

, 12.02.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man muss Jonathan Meese einfach lieb haben. Wie er da sitzt im Dortmunder Schauspielhaus, im blauen Trainingsanzug, den „Regiewolf“ im Arm und sagt: „Ich mach das hier nicht für das Publikum, auch nicht für dieses Theater. Ich mach das für Deutschland. Um Deutschland zu retten.“ Da wirkt der 50-jährige Theater- und Kunst-Provokateur wie ein großer Junge, der nur spielen will. Spielen für die Freiheit – der Kunst.

Seit zehn Tagen probt Meese in Dortmund für sein Stück „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr alle seit die Lolita Eurer selbst“. Die Uraufführung ist am Samstag, und bisher wissen weder er noch die fünf Schauspieler an seiner Seite, wie lang der Abend dauert und was gespielt wird. Nur Eckpfeiler gibt es – wie den Anfang. Dafür hat Meese seine 90 Jahre alte Mutter Brigitte zu Hause in Berlin, im Sessel, gefilmt, wie sie eine Kurzfassung des Romans „Lolita“ von Vladimir Nabokov liest. Das Video wird auf den Eisernen Vorhang vor der Bühne projiziert.

Auch Lassie und James Bond sind eine Lolita

„Ich bin Lolita“, sagt Meese. Meine Mutter ist auch Lolita. Sie steht über mir, weil sie mich geboren hat.“ Logisch. „Aber es muss immer eine noch höhere Instanz da sein“, sagt er. Die ist jetzt „der Regiewolf“. Das große Plüschtier liegt auf dem Regiepult.

Wenn der Eiserne Vorhang am Ende des Videos hochfährt, sitzen Jonathan Meese und die fünf Schauspieler in roten Jacken auf einem großen Bleistift, mit dem Nabokov den Roman geschrieben haben könnte. Klar, der Roman ist Grundlage der Performance, Kunstinstallation, des Theaterstücks oder Gesamtkunstwerks, wie Meese es nennt. „Aber Lolita ist abstrakt, eine Romanfigur. Und ich bin in der Lage, Horst Tappert von Derrick zu trennen“, sagt Meese. Lolita sind für ihn alle und alles: „Robespierre, Pippi Langstrumpf, Lassie, Richard Wagner, James Bond und auch dieser Wohnwagen da“, zählt er auf und zeigt auf die Bühne, die der Regisseur, Schauspieler und Künstler vollgestellt hat mit Spielzeug, darunter ein Wohnwagen, Spiegelquader, zwei Telefonzellen und ein Wolf.

„Ich bin nicht dafür da, den Leuten einen schönen Abend zu machen“

Aus diesem Fundus – auch von Kostümen –, den Meese, die drei Schauspieler, die er mitgebracht hat, sowie Anke Zillich und Uwe Schmieder aus dem Dortmunder Ensemble zusammengetragen haben, wählen die sechs Darsteller spontan Requisiten und Kostüme. Uniformen mit Hakenkreuz („Politik muss weggespielt werden“, sagt Meese) hängen neben einem Hotdog-Kostüm und blutverschmierten Brautkleidern der Lolita. Ein Textbuch gibt es nicht, die Schauspieler rufen sich Sätze wie „Du bist deutsch“ oder „Ich streichel Dich deutsch“ zu.

„Der Abend kann total in die Hose gehen, aber ich bin nicht dafür da, den Leuten einen schönen Abend zu machen. Ich war auch schon mal im Restaurant, in dem es nicht geschmeckt hat“, sagt der 50-Jährige: „Gefallsucht geht bei Regisseuren gar nicht.“ Für die Schauspieler gäbe es nur zwei Tabus: „Lifestyle und sich bei dem Publikum anzubiedern“.

Der Abend dauert zwei bis vier Stunden - vielleicht

Von der Bühnendecke hängen von Meese gemalte Riesenbilder; auf dem größten sind Spielkarten mit Bildern von Diktatoren zu sehen. „Die müssen alle weggespielt werden“, sagt der Regisseur. Was mit den Bildern – immerhin sind es echte Meeses – später passiert, ist noch nicht geklärt. „Ich würde sie gerne mitnehmen, vielleicht geht Lolita ja noch woanders hin.“

Jede der nur fünf angesetzten Vorstellungen wird anders. Wie lange der Abend dauert, weiß Meese nicht. „Zwei bis vier Stunden“, sagt er, aber es kann sein, dass nach einer Stunde die Luft raus ist oder wir müde sind.“

Keiner liebt Deutschland so sehr wie Jonathan Meese

Mit „Lolita“ will Meese Deutschland retten. „Kein Mensch auf der ganzen Welt liebt Deutschland so sehr wie ich“, sagt er, „aber wir müssen das Land von der Politik und den Religionen befreien. Die Kunst muss die Macht übernehmen“.

Lustvoll und sinnlich ist das, was man im Vorfeld von Meeses Lolita sehen kann. Gerade erst haben der Regisseur und sein Ensemble im Malsaal des Theaters weißes Papier und Hochzeitskleider mit roter Farbe bespritzt. „Man muss die Gewerke des Theaters einbeziehen“, sagt der Regisseur, dem es um Verführung geht. Und um Freiheit. Für die Kunst. Und um Entpolitisierung. „Wir haben den Schmutz in der Politik gerade wieder erlebt“, sagt er. Zu einer Wahl gegangen sei er nur einmal: „Da war ich 18 und habe alle Parteien angekreuzt. Das mache ich jetzt nicht mehr, ich finde Politik langweilig und verstehe sie nicht mehr. Es geht nur noch um Macht. Kunst muss total frei sein. Ich möchte die „Zuschauer entideologisieren“.

Der Abend soll ein Gesamtkunstwerk werden


Dass er Theater „aus Liebe“, mit „großem Herzen“, „für Deutschland“ und „als Gesamtkunstwerk“ macht, glaubt man ihm. Mindestens zehn Mal fällt in dem Gespräch der Name Richard Wagner. „Er war der Größte, er hat das Gesamtkunstwerk erfunden. Und wissen Sie, warum die mich in Bayreuth wirklich rausgeschmissen haben? – Ich habe Richard Wagner zu sehr geliebt“, sagt der Berliner, der 2016 bei den Festspielen den „Parsifal“ inszenieren sollte.

Würde die Machtergreifung der Kunst vielleicht gelingen, wenn es viele Meeses gäbe? „Wir müssten zu fünft sein“, sagt Jonathan Meese. – Warum zu fünft? „Weil fünf ein Quadratsprenger ist – das fünfte Element. Es gibt vier Himmelsrichtungen und vier Elemente. Fünf sprengt alles.“

Und wenn er selbst Politiker wäre? „Niemals sagt Meese. Ich würde nach einer Sekunde abdanken, aber vorher alle Macht der Kunst geben.“

Termine: 15.2., 21.3., 3./ 25.4., 16.5.: Karten: Tel. (0231) 5027222 oder www.theaterdo.de