Skulptur Projekte in Münster starten

Schrebergarten als Kunstobjekt

Alle zehn Jahre bekommt die Kasseler documenta Konkurrenz aus Münster. Die Skulptur Projekte sind zwar viel kleiner als die Kasseler Weltkunstschau, aber auch sie haben eine internationale Strahlkraft. Am besten erkundet man die Freiluftausstellung mit dem Rad.

MÜNSTER

09.06.2017, 15:40 Uhr / Lesedauer: 3 min
Skulptur Projekte in Münster starten

Eine apokalyptische Landschaft ist entstanden. In einem Behälter (rechts im Bild) werden Krebszellen aufbewahrt.

Wandeln über Wasser wie Jesus, eine Schrebergartenkolonie erforschen oder das Handy am Lagerfeuer aufladen - das alles ist Kunst. Die Skulptur Projekte in Münster, der kleine Konkurrent der documenta in Kassel, messen alle zehn Jahre den Puls der internationalen Kunst. Die fünfte Auflage der 1977 gegründeten Freiluftausstellung lässt Werke von insgesamt 35 Künstlern buchstäblich mit der idyllischen Uni-Stadt verschmelzen.

Natur und Kunstwerk verschmelzen

Die erste Erkenntnis ist: Die herkömmliche Vorstellung von Skulptur als greifbarem Kunstobjekt führt völlig in die Irre. 40 Jahre nach den ersten Skulptur Projekten hat sich der Kunstbegriff im 21. Jahrhundert erweitert - und wird in Frage gestellt. Die zweite Erkenntnis: Die Skulptur Projekte sind eine Schön-Wetter-Schau, die man möglichst mit dem Fahrrad, aber nicht im strömenden Regen erkunden sollte.

Gerade noch radelt man an hoppelnden Kaninchen im Park vorbei und steht dann vor einer verlassenen Eissporthalle. Der französische Starkünstler Pierre Huyghes hat über Wochen den Boden abtragen lassen und eine metertiefe Mondlandschaft aus lehmigen Erdhügeln und Wasserpfützen dort entstehen lassen, wo einst Eisläufer Pirouetten drehten.

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Skulptur Projekte Münster

Wer nicht den Weg nach Kassel auf sich nehmen möchte um die dortige documenta zu besuchen, kann ab dem 10. Juni auch einen Abstecher nach Münster machen, um seine kulturellen Nerven zu kitzeln: Bis zum 1. Oktober läuft wieder die internationale Ausstellung Skulptur-Projekte, die nur alle 10 Jahre stattfindet. Für die Ausstellung kommen weltweit anerkannte Künstler in die Stadt.
24.07.2017
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Transparente und Hinweise prägen die ganze Stadt. © Foto: dpa
Der Info-Punkt am LWL-Landesmuseum ist eine gute erste Anlaufstelle. Hier gibt es den Stadtplan mit allen Werken für drei Euro.© Foto: Jäger
Der künstlerische Leiter der fünften Skulptur-Projekte ist Kasper König. Wegen einer Verletzung am Fuß musste er zur Pressekonferenz im Rollstuhl kommen. © Foto: dpa
Kasper König (Mitte) mit den beiden Kuratorinnen Britta Peters (r.) und Marianne Wagner.© Foto: dpa
Das Landesmuseum steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Die "fallenden Tiere" - hier ist es ein Hähnchen - des Künstlers Sany geistern überall durch die Stadt. © Foto: Jäger
Der Katalog zu den Skulptur-Projekten 2017 kostet 15 Euro und ist sehr reichhaltig. © Foto: dpa
Den Truck haben die Künstler Cosima von Bonin und Tom Burr vor das Museum gestellt. Er scheint die große Skulptur von Henry Moore abtransportieren zu wollen. © Foto: Jäger
Alles Kunst - auch diese Wasserwaage am Museum. © Foto: Jäger
Im Lichthof des Landesmuseums steht diese riesige Installation von Michael Dean. Nur zehn Besucher dürfen sie gleichzeitig erkunden. © Foto: Jäger
Sehr ungewöhnliches Absperrband flattert hier herum. © Foto: Jäger
Die Skulpturen bestehen aus Müll, sind aber sehr liebevoll und sorgfältig gestaltet. © Foto: Jäger
In einem Hof geht es hinunter zur Arbeit von Koki Tanaka. © Foto: Jäger
Hier sollte sich der Besucher etwas Zeit nehmen. Der Künstler hat Diskussionen einer internationalen Gruppe zum Thema "How to live together?" aufgenommen. © Foto: Jäger
Als hätte er schon immer hier gestanden: Der "Nuclear Temple" von Thomas Schütte an der Himmelreichallee. © Foto: Jäger
Das Werk fasziniert die Besucher. Hineinkriechen können aber nur kleine Kinder. © Foto: Jäger
Ein echter Hit der Schau ist die Installation "HellYeahWeFuckDie" von Hito Steyerl in dem interessanten Gebäude der LBS an der Himmelreichallee. © Foto: Jäger
Sie zeigt teilweise zum Schreien komische Videos von Robotern, die das Gehen lernen und immer wieder umfallen - oder von ihren Schöpfern um der Wissenschaft willen getreten werden. © Foto: Jäger
Ebenfalls unbedingt einen Besuch wert ist die Diskothek "The Elephant Lounge" am Roggenmarkt 15. Barbara Wagner und Benjamin de Burca widmen sich hier in einem Video dem Thema Schlager - irgendwo zwischen Kitsch, Klischees vom Reichtum und Glück und ehrlicher Sehnsucht. © Foto: Jäger
Vor dem Erbdrostenhof schlängen sich die seltsamen Arbeiten der Künstlerin Nairy Baghramian wie die abgehackten Arme eines Tintenfischs. © Foto: Jäger
Die Arbeit "Beliebte Stellen" geht hinter dem Erbdrostenhof weiter. Gehen Sie rechts herum, um den Hinterhof zu erreichen. © Foto: Jäger
"Nietzsches Felsen" heißt diese Arbeit von Justin Mathey. Solch ein Felsen existiert in der Schweiz wirklich. © Foto: Jäger
In Münster steht das Gebilde allerdings auf Krücken. © Foto: Jäger
Der Künstler Jeremy Deller sitzt in einem Kleingarten vor seiner kulturanthropologischen Arbeit "Speak to the Earth and it will tell you (2007-2017)".© Foto: dpa
Bitte Schuhe ausziehen: Die Installation "On Water" von Ayse Erkmen ist ein absoluter Hit der Skulptur-Projekte. © Foto: dpa
Auf der Installation im Hafenbecken in Münster von Kai zu Kai zu waten, ist ein großer Spaß für die Besucher.© Foto: dpa
Der Gang "übers Wasser" ist so beliebt, dass sich manchmal Schlangen bilden. © Foto: dpa
Die Installation "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenmann. Das Exponat zeigt eine mehrfigurige Brunnenanlage mit unbekleideten Figuren aus Bronze und Gips. Leider ist sie inzwischen beschädigt worden. © Foto: dpa
Wer genau hinschaut, schmunzelt: Eine Figur aus der Installation "Sketch for a Fountain" von Nicole Eisenmann hält eine Bierdose in der Hand. Der Figur ganz rechten wurde inzwischen der Kopf abgeschlagen.© Foto: dpa
Die Figuren bestehen aus Bronze und Gips.© Foto: dpa
Mit dem Fahrrad können die Besucher die Kunstwerke in der Stadt am bequemsten anfahren. Leihräder gibt es für 12 Euro am Westfälischen Landesmuseum am Domplatz.© Foto: dpa
Auch vor der abrissreifen Eissporthalle, die Pierre Huyghe umgestaltet hat, bilden sich am Wochenende lange Schlangen. © Foto: Jäger
"Achtung Bienen / Warning Bees" steht auf einem Warnschild am in der Installation «After ALife Ahead» von Pierre Huyghe. Das Exponat zeigt ein zeitbasiertes biologisch-technisches System.© Foto: dpa
Hier leben die Bienen. © Foto: dpa
Eine apokalyptische Landschaft ist entstanden. In einem Behälter (rechts im Bild) werden Krebszellen aufbewahrt.© Foto: dpa
Ab und zu öffnen sich die hydraulischen Klappen an der Decke. © Foto: dpa
Abends ist der Eindruck besonders unheimlich. In der Mitte steht ein Aquarium mit zwei Fischen. © Foto: Jäger
Die Installation "12V" von Aram Bartholl. Mit dem Exponat kann man sein Smartphone über einem Lagerfeuer aufladen. © Foto: dpa
Die Skulptur "Trickle down" von Andreas Siekmann sorgt ebenfalls für Aufsehen.© Foto: dpa
Oscar Tuazons skulpturale Konstruktionen aus Holz, Beton oder Stahl bewegen sich an der Schnittstelle zur Architektur. Das Betonobjekt dient als öffentliche Feuerstelle, Grill, Aufwärmplatz und Aussichtsturm.
© Foto: Kock

Das wüste Gelände wird bewohnt von Pfauen, Bienen in skulpturartigen Bienenstöcken, Fischen und Krebszellen in Aquarien - und man fragt sich, ob das Tierquälerei ist und wo die Blumen für die Bienen sind. Aber auch die komplexen Biotop-Systeme von Huyghes sind im weitesten Sinn Skulptur.

Die Faszination Schrebergarten

Tief in das Sozialgefüge einer Kleingartenkolonie taucht der britische Künstler Jeremy Deller im Schrebergartenverein „Mühlenfeld“ ein. Zwischen akkurat geschnittenen Rasenflächen und einer bunten Blumenpracht hat sich Deller in einer schwer zu findenden Gartenlaube eingenistet.

Zehn Jahre lang ließ Deller Schrebergärtner Tagebücher führen. 26 dicke Bände mit Fotos von Festen und Blumenkohl, Herbarien und Berichten über den Alltag in der Kolonie legt Deller nun vor: eine faszinierende Dokumentation der in Deutschland so typischen Kleingartenkultur. „In Großbritannien gibt es das nicht“, sagt der Konzeptkünstler. „Deshalb finde ich das so spannend.“

Die Skulptur Projekte in der westfälischen Provinz ziehen inzwischen ebenso das internationale Publikum an wie das Groß-Event documenta. Die Macher sind sogar so selbstbewusst, die Eröffnung in Münster am Samstag zeitgleich zur documenta-Eröffnung zu legen. Erwartet werden in Münster bis 1. Oktober rund eine halbe Million Kunstinteressierte.

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Gewisse Tendenzen sind in Münster und Kassel ähnlich. Etwa die boomende Performance oder die Erweiterung des Ausstellungsraums auf andere Städte. Die Ruhrgebietsstadt Marl mit ihrer Beton-Nachkriegsarchitektur ist 2017 der Trabant der Skulptur Projekte.  

Von unkonventionell bis praktikabel

Performance und Kunst zum Mitmachen boomt in Münster allerorts. Die Istanbuler Künstlerin Ayse Erkmen lässt Besucher im Binnenhafen wie Jesus über Wasser laufen. Dafür hat sie knapp unter der Wasseroberfläche einen Steg aus Metallgittern gebaut. 64 Meter lang ist der Weg von Ufer zu Ufer, den man im knöcheltiefen Wasser watet. Das hat eher Abenteuer-Flair als künstlerische Tiefe. Auch über den tieferen Sinn des Tattoo-Studios für Senioren von Michael Smith lässt sich sicher streiten. Wobei hier der Begriff Körperkunst nahe liegt.

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Die rumänische Künstlerin Alexandra Pirici lässt im Saal des Westfälischen Friedens im Rathaus Performer einen Kollektivkörper formen. Die Argentinierin Mika Rottenberg hat einen verlassenen Asia-Laden mit Lamettabergen und Plastikspielzeug zum Kunstort gemacht. Raumkünstler Gregor Schneider verstört mit einer in das LWL- Museum eingebauten Wohnung, in der sich der Besucher auf unheimliche Weise beobachtet fühlt. Klingeln bitte bei „N. Schmidt“, Pferdegasse 19.

Einen denkwürdigen Beitrag zum digitalen Zeitalter leistet der Bremer Künstler Aram Bartholl mit seiner Handy-Ladestation am Lagerfeuer. Ein Generator wird in einer Pfanne über dem offenen Feuer erhitzt. Der dadurch erzeugte Strom wird über ein Kabel in ein Netzteil geleitet, an das man das Handy anschließt.

Auch wenn mal eine wirkliche Skulptur zu sehen ist, geht es nicht klassisch zu: Nicole Eisenmans Brunnenensemble aus fünf unförmigen Bronze- und Gipsfiguren mit klobigen Füßen ironisiert die antike Skulptur-Ästhetik. Eisenmans Figuren chillen mit der Cola-Dose.

Von Dorothea Hülsmeier / dpa