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Skulpturen von Franz Bernhard wahren die Balance

Ausstellung in Marl

Die „Schlanke Büste“ macht den Anfang. Das sieben Tonnen schwere Kunstwerk steht in Marl da, wo das Museum Glaskasten erst noch hinziehen muss.

MARL

, 02.02.2018 / Lesedauer: 3 min
Skulpturen von Franz Bernhard wahren die Balance

Die „Schlanke Büste“ von Franz Bernhard steht seit dieser Woche als Dauerleihgabe mitten in Marl. Sie wirkt labil und massiv zugleich. Foto © Torsten Janfeld

Das renommierte Skulpturenmuseum Glaskasten befindet sich bekanntlich in der Marler Mitte im Erd- und Tiefgeschoss der Stadtverwaltung, es muss bei deren Umbau zum „sozialen Rathaus“ weichen. Jetzt hat Museumsleiter Georg Elben den ersten Schritt hin zum neuen Standort in der ehemaligen Hauptschule an der Kampstraße getan. Die sechs Meter hohe „Schlanke Büste“ des Bildhauers Franz Bernhard wurde mit Hilfe eines Kranes ganz in der Nähe errichtet – und zwar dort, wo einst das städtische Hallenbad stand.

Neue Heimat im Jahr 2023?

„Es soll eine Begrüßung am neuen Domizil sein“, sagte Georg Elben am Freitag zu der Dauerleihgabe aus Cortenstahl – verschwieg allerdings auch nicht, dass sich der Umzug des ganzen Museums bis 2023 hinziehen kann. Den Beschluss hatte der Rat der Stadt immerhin 2017 gefasst. An der Kampstraße soll in einem eigentlich schönen, aber abgewrackt wirkenden Schulkomplex mit grünen Innenhöfen ein Kulturzentrum aus dem Museum, der Bücherei und Teilen der VHS entstehen.

Retrospektive besteht aus rund 60 Werken

Die „Schlanke Büste“ ist nicht allein gekommen. Sie gehört zur Retrospektive „Franz Bernhard – Die menschliche Figur“. Und die ist eine Wucht. 60 Werke des Holz- und Stahlbildhauers hat Elben im Museum zusammengetragen – aus dem Nachlass, den die Witwe Lucia Bernhard liebevoll hütet, und aus der Stiftung des Sammlers Andreas Schell, der in Karlsruhe derzeit ein Depot mit Ausstellungsraum für die Plastiken errichtet.

Frisch und kraftvoll

Denn Franz Bernhard (1934-2013) aus Jockgrim/Pfalz war in der Nachkriegszeit ein bekannter Bildhauer und auf der documenta 1977 vertreten. Seine gewaltig großen, zeichenhaften Skulpturen prägen bis heute den öffentlichen Raum.

Im Gegensatz zu vielen Bildern aus dieser Zeit, die heute so verhängnisvoll an Nierentische erinnern, wirken diese Skulpturen noch frisch und kraftvoll. Bernhard abstrahierte den menschlichen Körper, verwandelte Köpfe, Schultern oder Gliedmaßen in einfache, rohe Formen. Ihre archaische Wirkung haben sie mit den uralten Gesichtern gemein, die von den Osterinseln in die Ferne blicken. Nur, dass Bernhard die Formen wie Bauklötze geradezu halsbrecherisch aufeinander türmte oder mit abenteuerlichen Auslegern versah – alles eine Frage der Balance.

Michael Sauer hat ein „studiolo“ eingerichtet

Elben hat die Retrospektive zusammengespannt mit der Schau „studiolo“ des zeitgenössischen Bildhauers Michel Sauer, der Franz Bernhard noch persönlich gekannt hat, aber im Gegensatz zu ihm ein absoluter Feinmechaniker ist. Auf einem Regal und mehreren Podesten zeigt der Düsseldorfer wunderschöne, präzise ausgearbeitete Skulpturen in ungewöhnlichen Materialien (auch eine Art Stoßzahn aus Autospachtel ist dabei), die zwischen 1988 und heute entstanden sind.

Erinnerung ist ein wichtiges Thema

Sie kreisen um die Themen Erinnerung und Behausung, geben aber ihre Geheimnisse nicht preis. „Fragen sind mir wichtiger als Antworten“, sagte der Künstler. Tatsächlich wirkt das Stühlchen, auf dem sich lauter verschlossene Kästen türmen, wie ein Hüter von Erinnerungen. Modellhafte Häuschen geben den Blick frei in raffinierte Innenräume – oder es steht ein kleiner Schuh auf dem Dach. Der Titel „studiolo“ bezieht sich auf die edel gestalteten Kammern, in denen einst Renaissance-Fürsten über ihre Kunstsammlung nachsannen. Bei Michel Sauer steht diese Möglichkeit auch uns bürgerlichen Besuchern offen.

Skulpturenmuseum Glaskasten Marl: „Franz Bernhard“ und „Michel Sauer“, Creiler Platz 1, Eröffnung an diesem Sonntag (4.2.2018) um 12 Uhr, beide Ausstellungen bis 8.4.2018, Di-Fr 11-17 und Sa/So 11-18 Uhr. Eintritt frei.