So atemberaubend war das Collegium Vocale Gent

Ruhrtriennale

Jenseits der spartenübergreifenden Kreationen ist auch in Johan Simons Ruhrtriennale Platz für Abende, die klar einem Genre zugeordnet werden können. In der Jahrhunderthalle erlebte das Publikum am Sonntag so Bachs Kantaten, die Simons in seine "Accattone"-Inszenierung eingewoben hat, in der Reinform historischer Aufführungspraxis.

BOCHUM

, 17.08.2015, 16:21 Uhr / Lesedauer: 1 min
So atemberaubend war das Collegium Vocale Gent

Das Collegium Vocale Gent sang Bach.

Das Collegium Vocale Gent ist der Chor, wenn es um diesen speziellen Werkausschnitt Johann Sebastian Bachs geht. Mit Nikolaus Harnoncourt hat das Ensemble zwischen 1971 und 1990 das gesamte Kantatenwerk aufgenommen.

Jede Kantate ein Ereignis

Im ersten von zwei Konzerten in der Jahrhunderthalle machen Musiker und Sänger unter der Leitung des Chorgründers Philippe Herreweghe jede der vier Kantaten zu einem Ereignis, indem sie die vom Komponisten intendierte Entwicklung konzentriert verfolgen.

Am Anfang der geistlichen Werke steht meist ein komplexes Chorwerk, das die Verlorenheit des Menschen in der Welt oder sein Zweifeln ausdrückt. "Liebster Gott, wenn werd ich sterben?", schon diese erste Textzeile, die das Collegium in die Weite der Industriehalle stellt, geht unter die Haut.

Die tiefen Stimmen fallen in die hohen ein und durch Verschiebungen entsteht der Eindruck eines Sinkens und Fallens - als ob Musikern wie Zuhörern der Boden unter Füßen weggezogen wird.

Große Präzision

Atemberaubend ist die große Präzision, mit der das Ensemble die alten Instrumente spielt. Die Wirkung steckt hier im Detail, nicht im vordergründigen Effekt: Wenn etwa die Oboe die Klage der Sopranistin Dorothee Mields ("Wie zittern und wanken der Sünder Gedanken") mal wie ein Echo verstärkt, dann umspielt.

Oder wenn Tenor Thomas Hobbs plötzlich die Stimme hebt und vehement betont, dass der weltliche Mammon dem gläubigen Menschen NICHTS gilt, dann fühlt sich das an wie ein Erdbeben. Großer, nicht enden wollender Applaus am Ende.