So funktioniert das WG-Leben von Demenzkranken

Individuelle Pflege

Fast 1,6 Millionen Menschen mit Demenz leben in Deutschland: 13 von ihnen wohnen in einer Demenz-WG in Werne. Der Alltag dort ist geprägt von einer entspannten, familiären Atmosphäre - aber er stellt die Betreuungskräfte auch vor ganz spezielle Herausforderungen, die mal lustig, mal aber auch sehr traurig sind.

WERNE

, 19.11.2016, 05:51 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frau Hartmann* sitzt entspannt am Esstisch ihrer Wohngemeinschaft, lächelt zufrieden und erzählt, wie gut es ihr in ihrer Senioren-Wohngemeinschaft (WG) gefällt. „Ich wohne ja schon seit 30 Jahren hier“, sagt die 90-Jährige. Doch das ist unmöglich. Denn die Senioren-WG am Juffernkamp in Werne gibt es erst seit acht Jahren.

Hier leben aufgeteilt auf zwei Wohneinheiten 13 Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Und das ist der Grund, warum Frau Hartmann mit der Frage, seit wann sie hier lebt, überfordert ist.

Kurzzeitgedächtnis ist zuerst betroffen

„Bei Demenzerkrankungen finden Hirnabbauprozesse statt. Das Kurzzeitgedächtnis ist als erstes betroffen“, erklärt Daniel Weigert, der die Wohngemeinschaften des Pflegedienstes Jakubke leitet. Im weiteren Krankheitsverlauf ist auch das Langzeitgedächtnis betroffen. Die häufigste Demenz-Form ist Alzheimer.

Die unheilbare Erkrankung führt nach und nach dazu, dass Betroffene ihren Alltag nicht mehr alleine bewältigen können: Orientierung, Sprache und Motorik sind gestört, selbst Lebensnotwendiges wird vergessen. Daher werden die Bewohner der WG in Werne von Pflegefachkräften, Betreuungskräften und Hauswirtschafterinnen rund um die Uhr betreut.

In der Mitte des Esstisches hat Betreuerin Brigitte einen Turm aus Holzklötzen aufgebaut. „Wollen Sie auch mal versuchen, ein Klötzchen herauszuziehen?“, fragt sie Frau Passgang*. Die 84-Jährige stutzt kurz, lässt sich aber motivieren und zieht mit etwas Unterstützung einen Holzklotz heraus. Die Betreuerin lobt: „Das klappt doch gut! Wollen Sie jetzt mal einen Schluck Wasser trinken?“

Betreuungskräfte geben viele Anregungen

Ans Trinken erinnern, zum Mitmachen motivieren, kurze Fragen stellen: Das meiste geschieht auf Anregung der Betreuungskräfte. Nicht immer klappt das: Manch ein Blick geht lange ins Leere. Apathie ist ein Symptom der Erkrankung. Die Stimmung ist aber sehr gemütlich, man spürt, dass sich die WG-Bewohner heimisch fühlen.

Neben den Gemeinschaftsbereichen wie Küche, Garten, Wohn- und Essbereich hat jeder der Senioren ein eigenes Zimmer mit Bad. Hier findet alles statt, was zum Bereich der Pflege gehört: Toilettengänge, Waschen, Wundversorgung. Jeder Bewohner schließt drei Verträge ab: „Einen Miet-, einen Betreuungs- und einen Pflegevertrag“, so Weigert.

Die Kaltmiete für die Zimmer, die durchschnittlich etwa 25 Quadratmeter groß sind, liegt ungefähr bei 600 Euro. Für die Betreuung werden 500 Euro berechnet. „Für Demenzkranke kann die Pflegekasse aber bis zu 208 Euro an Betreuungsleistungen zuzahlen“, sagt der WG-Leiter.

Hinzu kommen die Kosten für die Pflege, die individuell berechnet werden – und die zumindest teilweise von der Pflegekasse übernommen werden. „Eine Rente von 1400, 1500 Euro reicht“, sagt Weigert.

Falsche Erinnerungen nicht zu erkennen

Der Auszubildende Mhlaba unterhält sich mit Frau Wimmer*. „Du warst so ein süßes Baby. Ich habe deine Mutter mal gefragt, ob du zu verkaufen bist, als du in deinem Kinderwagen lagst“, erzählt die 87-Jährige. Als Außenstehender kann man nicht erkennen, ob die Erinnerung stimmt: Die Seniorin schildert die Situation plausibel. Aber das Treffen hat es nie gegeben. Trotzdem spielt Mhlaba mit: „Da hätte ich damals gerne das Gesicht meiner Mutter gesehen.“

Es ist eine der großen Herausforderungen beim Umgang mit Demenzkranken: Wie reagiert man, wenn ein Betroffener in seine eigene Realität abtaucht? „Die Erfahrung zeigt, dass man mitspielen sollte – zumindest, wenn es moralisch zu vertreten ist“, erklärt Weigert.

Äußert einer der Bewohner morgens den Wunsch zur Arbeit zu gehen, ist das in Ordnung. „Wir sagen dann: Okay, dann waschen wir uns vorher aber erst mal. Wenig später ist der Wunsch meist wieder vergessen. Das klingt hart, ist aber so.“ 

Zur Mittagszeit übernimmt Hauswirtschafterin Natalie in der offenen Küche: Es gibt Hähnchenschnitzel mit Kartoffeln und Kohlrabi. Bei der Zubereitung bekommt sie Hilfe: Frau Wimmer schält die Kartoffeln. Wer kann, hilft mit – wie in einer WG üblich.

Beim Spezialfall Demenz führt das ab und an zu kuriosen Situationen: „Letzte Woche hat jemand sein Butterbrot weggeräumt – das haben wir in der Spülmaschine wieder gefunden“, so Weigert.

Alltägliches gehört mit zum Konzept

Gerüche, die aus der Küche durch die Etage ziehen. Mitbekommen, wie das Essen zubereitet wird. Gemeinsam am Mittagstisch sitzen. Was Alltag ist, gehört hier bewusst zum Konzept: Mit Veränderungen kommen Demenzkranke nur schlecht zurecht. Je mehr sich das Leben in der WG anfühlt, wie früher in der eigenen Wohnung, umso besser fühlen sie sich.

„Die familiäre Atmosphäre ist uns wichtig“, sagt Weigert. Daher binde man Angehörige gerne mit ein – wenn sie wollen. Beim Mittagessen sind auch Tochter und Enkelin von Frau Schwarz* dabei. Den Vormittag haben sie für einen Ausflug in die Stadt genutzt, jetzt sind sie wieder da.

Die familiäre Atmosphäre ist ein Pluspunkt der Wohnform. Das sehen laut Weigert viele so, die einen Platz für Demenzkranke suchen: „Wir haben eine lange Warteliste. Der Bedarf steigt – und zwar rasant.“

 *Namen geändert

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