So gefährlich ist das Wildbaden in NRW-Flüssen

Fragen und Antworten

Seit der Eröffnung im Mai haben sich mehr als 5000 Menschen an der neuen Badestelle am Essener Baldeneysee, der aufgestauten Ruhr, in die Fluten gestürzt. Es ist die erste offizielle Badestelle an der Ruhr. An Fließgewässern in NRW ist es weiter verboten. Warum? Und wie gefährlich ist es, Badeverbote zu ignorieren?

ESSEN

, 24.07.2017, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

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Wie gefährlich ist es, in NRW-Flüssen zu baden?

„Das Baden in der Ruhr wird sehr gut angenommen und steigert die Lebensqualität der Essener“, teilte die Stadt Essen am Donnerstag mit. Die Schwimmstelle am Seaside Beach war nach Jahrzehnten Badeverbot im Mai am Essener Baldeneysee, der aufgestauten Ruhr, eingerichtet worden. Ein Ausnahmefall. In anderen NRW-Flüssen trotz Badeverbot zu schwimmen, ist nicht nur illegal – auch ziemlich gefährlich.

Flüsse bergen besonders viele Gefahren für Badende. Deswegen rät die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) vom Schwimmen in unbekannten Gewässern ab: „Strömungen, Brückenpfeiler, Sogwirkungen, Unterwasserhindernisse und Fahrrinnen mit Freizeit- und Berufsschifffahrt bilden unkalkulierbare Risiken“, informiert DLRG-Sprecher Martin Holzhause.  Außerdem gebe es in Flüssen unterschiedliche Tiefen, die von außen unmöglich einzuschätzen seien. Daher sollten Badelustige nur an bewachten Stellen schwimmen gehen. Dort ist dann im Notfall auch schnell Hilfe zur Stelle. In den Gewässern und Bädern NRWs sind laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) im Jahr 2016 76 Menschen ertrunken – sechs davon in der Ruhr und zwei in der Lippe.

 

Gibt es noch andere Gründe, warum illegales Schwimmen in der Ruhr nicht ratsam ist?

Ein Hauptgrund ist die Keimbelastung durch ungefiltertes Abwasser, das in Industrieflüsse wie die Ruhr gelangt. Eine hohe Infektionsgefahr geht von dem Darmbakterium E.coli oder Darm-Enterokokken aus. Sie können unter anderem Durchfall und Darmerkrankungen auslösen.

 

Wie wird das Badeverbot kontrolliert und wie wird der Verstoß dagegen bestraft?

Kontrolle und Bestrafung liegen in kommunaler Hand. Für Bochum, das mit dem Kemnader See ebenfalls einen Ruhrstausee hat, gilt die städtische Sicherheitsverordnung, nach der das Baden außerhalb der dafür freigegebenen Stellen verboten ist. An öffentlichen Gewässern gibt es keine solchen Stellen. Anstatt Bußgelder zu verhängen, setze die Stadt auf die Einsicht des Einzelnen, so Sprecher Thomas Sprenger. Auch in Hagen wird das Einhalten des Badeverbots nicht aktiv verfolgt: „Das steht auf unserer Prioritätenliste nicht ganz oben“, sagt Sprecher Karsten-Thilo Raab. Bei Hagen liegt ebenso ein Ruhrstausee – der Hengsteysee.

 

Warum ist es wieder möglich, in der Ruhr zu schwimmen?

Die Weichen dafür gestellt hat das 2012 gestartete Projekt „Sichere Ruhr“ im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Ziel des Projektes sei, die Ruhr im Hinblick auf die Wasserqualität sicherer zu machen sowie die Frage zu klären, ob und wie die Ruhr in Zukunft als offizielles Badegewässer dienen kann, heißt es auf der Homepage des Projektes. Drei Jahre lang haben Forscher die Wasserqualität in der Ruhr gemessen.

Dabei fanden sie heraus, dass in den Jahren 2014 und 2015 an trockenen Sommertagen das Wasser an der Freizeitanlage Seaside Beach am Baldeneysee Essen so sauber war, dass man dort problemlos hätte baden können. Der Grund für die „hervorragende Wasserqualität“ sei vor allem die deutlich verbesserte Klärtechnik, so Norbert Jardin, Vorstand Technik und Flussgebietsmanagement des Ruhrverbandes. Das Risiko einer Virus-Erkrankung liege daher nur noch bei unter drei Prozent. Die Badegewässer-Richtlinien lassen einen Wert von bis zu fünf Prozent zu.

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Was sind die Voraussetzungen für die Einrichtung offizieller Badestellen?

Höchste Priorität habe die hygienische Qualität des Wassers, erklärt Markus Rüdel, Sprecher des Ruhrverbandes. Aber auch wenn die Qualität stimme, müsse das Wasser durch ein Frühwarnsystem ständig kontrolliert werden. Denn bei Hochwasser oder starken Regenfällen kommt es immer wieder zu Überlastungen des Abwassersystems, sodass ungefiltertes Abwasser in die Ruhr gerät.

Außerdem müsse die Badestelle zugänglich, abgegrenzt zum Schiffsverkehr und durch einen Bademeister bewacht sein, so Rüdel. Dass am Seaside Beach nun gebadet werden kann, heißt also nicht, dass die komplette Ruhr dafür freigegeben ist. Denn die Wasserqualität unterscheide sich lokal stark, so Rüdel weiter.

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Schwimmen in der Ruhr: Das steckt hinter dem Projekt
– Das Projekt wurde im Rahmen der „Grünen Hauptstadt“ realisiert. Mit dem Titel „Grüne Hauptstadt“ zeichnet die EU-Kommission seit 2010 Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern aus, die eine Vorreiterrolle in Sachen umweltfreundliches städtisches Leben einnehmen.
– Noch im August soll es auf dem See ein weiteres Leuchtturmprojekt geben: Dann soll ein mit umweltfreundlich hergestelltem Methanol angetriebenes Fahrgastschiff seinen Betrieb aufnehmen.
– Die Veranstaltungen der „Grünen Hauptstadt“ Essen besuchten den Angaben zufolge im ersten Halbjahr rund 115.000 Menschen. Für das gesamte Jahr sind in Essen 459 Projekte geplant.

mit Material von dpa