Sophia Loren in „Du hast das Leben vor Dir“: Mama der Streuner

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Sophia Loren steht auch mit 86 Jahren vor der Kamera: Im Netflix-Film „Du hast das Leben vor Dir“ spielt sie eine Mutter Teresa der Straßenkinder. Ihr Sohn Edoardo Ponti führt Regie.

Dortmund

, 18.11.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mehr noch als bei Normalsterblichen ist es das Kreuz großer Diven, dass auch strahlende Schönheit welkt. Die Garbo oder Marlene Dietrich sind im Alter abgetaucht und jedem Fotografen aus dem Weg gegangen, als wollten sie den eigenen Mythos konservieren und das Bild, das man von ihnen kannte, nicht zerstören.

Schwerblütig und vergrübelt

Ganz anders Sophia Loren (86): Die vergräbt sich nicht im Mausoleum der Erinnerung (man denkt an Billy Wilders „Sunset Boulevard“), sie hat sogar einen neuen Film gedreht. In dem sie sich so zeigt, wie alte Leute nun mal aussehen: mit Falten und Furchen, grauen Haaren und einer gewissen Schwere in Haltung und Mimik.

Der Film heißt „Du hast das Leben vor Dir“, vielleicht hat die Loren ihn gemacht, weil Regisseur Edoardo Ponti (47) ihr Sohn ist. Verfügbar ist dieses Melodram auf Netflix, wo es kaum eine Spitzenposition erobern wird.

Zu schwerblütig und vergrübelt, zu sehr „Arthouse“ ohne jugendlichen Appeal. Macht aber nichts: Wer neugierig ist, wie Stolz und Würde im hohen Alter aussehen, liegt bei Sophia Loren goldrichtig.

Alles andere als glamourös

Die lässt sich zudem auf eine Rolle ein, die auch per Milieu und Sujet das Gegenteil von glamourös ist. Sie spielt die Madame Rosa, eine Mutter Teresa für Straßen- und „Hurenkinder“, wie man am Hafen der italienischen Küstenstadt Bari sagt.

Früher ging Rosa selber anschaffen, nun kümmert sie sich um Kinder, deren Eltern verschollen sind. Die leben in Rosas Wohnung, die wenig Komfort bietet, doch immer noch besser ist als das Jugendheim.

Der zwölfjährige Mohammed (Ibrahima Gueye), genannt Momo, wird Rosas neuer Schützling. Gestern noch hat der Streuner auf dem Markt Rosas Tasche gestohlen. Entsprechend widerwillig nimmt sie ihn auf, als ihr Arzt und Vermieter sie dazu drängt.

Der Ton zwischen Ziehkind und Ersatzmutter ist ruppig. Momo wird schnell bockig, Rosa hat Regeln und Prinzipien. Es braucht Zeit, bis Momo ihr vertraut.

Sozialdrama am Traumkontinent Europa

Der Film basiert auf einem französischen Roman, der 1977 schon mit Simone Signoret verfilmt wurde. Edoardo Ponti verlegt die Handlung ins heutige Italien, wo Flüchtlinge sich prostituieren, Kinder Drogen verticken und die Misere mindestens so groß ist wie damals in Frankreich.

In der Aktualisierung wird der Stoff noch dringlicher und brisanter - ein Sozialdrama um die Gestrandeten am Traumkontinent Europa.

Wobei der Film weder Elendsmalerei noch flammende Anklage betreibt. Er zeigt einfach die Verhältnisse und wie Menschen sich darin eingerichtet haben. Der Staat und seine Institutionen glänzen durch Abwesenheit, das soziale Netz des Hafenviertels wird von Leuten wie Madame Rosa geknüpft.

Als Momo die Chance bekommt, für einen Dealer zu arbeiten, tut er es. Vom ersten Lohn kauft er ein Fahrrad, mit dem er stolz wie Bolle durch die Gegend fährt. Er kennt nur dieses Dasein, meist fühlt es sich okay an.

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Spröde Zärtlichkeit

Natürlich steckt in der Annäherung zwischen dem Jungen und der Ziehmutter ein sentimentales Potenzial, das Ponti sich zu Nutzen macht. Er lässt die Fettnäpfe der Rührschnulze links liegen, kreiert aber trotzdem Momente von spröder Zärtlichkeit.

Rosa hat Auschwitz überlebt, oft versinkt sie in Schwermut. Sophia Loren muss gar nicht viel tun, schon Gesicht und Blicke sprechen Bände, was Leben und Erfahrung angeht. Darin liegen Tiefe, Aura, Geheimnis, wie man es nur bei den großen Alten ihres Fachs findet.

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