Für die SPD ist es eine Frage von höchster Bedeutung: Wer soll das Erbe von Landrat Michael Makiolla antreten? Nach außen geben sich die Genossen gelassen. Doch die Kandidatensuche läuft längst.

Kreis Unna

, 15.09.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Die SPD will sich nicht in die Karten schauen lassen, weicht Fragen nach möglichen Kandidaten für die Landratswahl 2020 aus. Nur einer hat sich bislang klar geäußert. Und das ist der Amtsinhaber selbst. Michael Makiolla macht nach 16 Jahren Schluss, steht für eine weitere Amtszeit als Landrat mit dann 64 Jahren nicht mehr zur Verfügung. Seit das klar ist, wird die Personalie in der SPD diskutiert. Immer mal wieder dringen Namen nach außen, werden Favoriten gehandelt. Fast genauso häufig fällt hinter vorgehaltener Hand aus Parteikreisen allerdings auch der Satz, dass nicht jeder, der sich bereits in Stellung bringe, auch geeignet sei.

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Die SPD-Spitze ist freilich bemüht, die Personaldebatte nicht nach außen dringen zu lassen. „Geredet wird viel und auch früh“, sagt Unterbezirkschef Oliver Kaczmarek. „Ich bin zuversichtlich, dass wir einen geeigneten Nachfolger für Michael Makiolla finden“, sagt er mit Verweis auf „mehrere Namen“. Eine siebenköpfige Findungskommission, der neben ihm unter anderem seine Stellvertreter im Parteivorstand angehörten, sondiere nun das Feld. Anforderungen formulieren und so das Feld immer weiter reduzieren, erklärt Kaczmarek das Ziel besagter Kommission, bis spätestens Ende des Jahres einen Personalvorschlag zu formulieren. „Es muss jemand sein, der sich zu 100 Prozent mit dem Kreis Unna identifiziert, der für die Region etwas bewegen will, Fortschritt und Strukturwandel weiter in die Hand nehmen und die interkommunale Zusammenarbeit stärken will“, sagt Kaczmarek. Und es müsse ein Kandidat sein, der auch in der Lage sei, „den Riesenladen Kreis Unna zu führen“. Viel mehr will Oliver Kaczmarek nicht zum Stand der Personaldebatte sagen. Nur so viel: Die Findungskommission befasse sich gegenwärtig „mit einer guten Handvoll“ potenzieller Kandidaten.

Oliver Kaczmarek

„Ich will und kann mich dazu nicht äußern.“
Oliver Kaczmarek

Einer von ihnen könnte er selbst sein. Oliver Kaczmarek ist ein Kamener Jung, Sozialdemokrat durch und durch. 1988 in die Partei eingetreten, führt er die SPD im Kreis Unna seit 2005 als Vorsitzender. Als Nachfolger des damaligen Bundestagsabgeordneten Rolf Stöckel sollte der junge Hoffnungsträger den Generationenwechsel im drittgrößten Unterbezirk Nordrhein-Westfalens einleiten. Dass der examinierte Lehrer für Geschichte und Sozialwissenschaften seinen Ziehvater nur drei Jahre später in die Wüste schicken würde, damit hatte Stöckel wohl nicht gerechnet: Über eine Kampfabstimmung sicherte sich Kaczmarek 2008 die Kandidatur für den Bundestag und löste mit der Wahl 2009 schließlich das Ticket nach Berlin. In den knapp zehn Jahren, die er nun Mitglied der SPD-Bundestagsfraktion ist, hat er es allerdings nicht geschafft, sich zu einem politischen Mittel- oder sogar Schwergewicht zu entwickeln. Sicher, er ist Sprecher für Bildung und Forschung der SPD-Bundestagsfraktion. Aber reicht ihm das? Oder wäre das Landratsamt ein willkommener Karrieresprung? Für einen Wechsel vom politischen Berlin zurück in die Heimat könnten auch persönliche Gründe sprechen. Kaczmarek ist verheiratet, seit Ende 2014 Vater einer Tochter. Gut möglich, dass er seinen Lebensmittelpunkt wieder in den Kreis Unna zu seiner Familie verlegen möchte. Er selbst blockt ab, verweist auf besagte Kommission. „Ich will und kann mich dazu nicht äußern“, verweigert Kaczmarek jede Frage zu seinen persönlichen Zielen. Immerhin: Auch ein klares Ja zu Berlin ist ihm nicht zu entlocken.

Rainer Schmeltzer

„Es wäre müßig, sich zu etwaigen Ambitionen zu äußern.“
Rainer Schmeltzer

Zum Kreis der möglichen Kandidaten zählt ganz sicher auch Rainer Schmeltzer aus Lünen, von 2015 bis 2017 im Kabinett der ehemaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Minister für Arbeit, Integration und Soziales. Offen auf seine Ambitionen angesprochen verweist auch der 57-Jährige auf die Landratsfindungskommission. Aus Parteikreisen ist allerdings zu hören, dass Schmeltzer seinen Hut bereits in den Ring geworfen hat. Rund um den Unterbezirksparteitag der SPD vor knapp einem Jahr soll er offen davon gesprochen haben, sich als neuer Landrat des Kreises Unna zu sehen. Er fühle sich in der Landeshauptstadt nicht mehr ausgelastet, heißt es. Seit fast 20 Jahren ist Schmeltzer Mitglied des Landtages, hat sich in dieser Zeit eine ordentliche Reputation erarbeitet. Bis 2015 war er Stellvertreter des damaligen SPD-Fraktionschefs Norbert Römer, galt schon in dieser Zeit als enger Vertrauter Hannelore Krafts – die ihn dann als Arbeitsminister in ihr Kabinett rief. Die einst beliebte Landesmutter ist mit dem Wahldebakel 2017 in der Bedeutungslosigkeit verschwunden – und Schmeltzer in der dritten Reihe des Plenarsaals. Er ist heute Vorsitzender des Ausschusses für Haushaltskontrolle und im Landesvorstand der SPD Beisitzer. „Natürlich habe ich jetzt ein anderes Leben, nicht mehr die 15-, 16 Stunden-Tage eines Ministers“, sagt Schmeltzer. Er betont aber auch, sich „immer ausgelastet“ zu fühlen. „Es wäre müßig, sich zu etwaigen Ambitionen zu äußern. Die Partei entscheidet intern für sich, wer Landratskandidat wird.“ 2020 wird Schmeltzer 59 Jahre alt – eigentlich zu alt, wenn die SPD es ernst meint mit der viel beschworenen Erneuerung.

Hartmut Ganzke

„In der jetzigen Situation bin ich kein Kandidat.“
Hartmut Ganzke

Landtagsabgeordneter aus dem Kreis Unna ist neben Rainer Schmeltzer und Rüdiger Weiß seit 2012 auch Hartmut Ganzke. Der 52-jährige Rechtsanwalt aus Unna-Massen kommt mit seiner offenen, leutseligen Art bei vielen Bürgern gut an und machte trotz der für die SPD dramatischen Wahl 2017 Karriere in Düsseldorf. Seine Fraktion wählte ihn zum innenpolitischen Sprecher, und Ganzke legt seither als Gegenspieler von CDU-Innenminister Reul den Finger in die Wunde, wenn es um die Kritik am Polizeigesetz oder an nicht eingelösten Versprechen wie der Einführung eines Azubi-Tickets geht. Das neue Amt in der Landeshauptstadt brachte es freilich auch mit sich, dass Ganzke in der Kreispolitik etwas kürzer tritt. Weil er nun mehr Zeit in Düsseldorf verbringt, gab der Massener das Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Kreistag vor einem Jahr ab. Auch für das Amt des Schatzmeisters im Vorstand des Unterbezirks kandidierte Ganzke 2017 nicht mehr, weil er fand, die Partei dürfe „nicht immer nur von Erneuerung labern“, sondern müsse sie auch leben. Trotzdem fällt sein Name in Parteikreisen häufig, wenn es um die Makiolla-Nachfolge geht. Das schmeichelt Ganzke. Im Gespräch mit unserer Zeitung stellt er aber klar: „In der jetzigen Situation bin ich kein Kandidat.“ Das klingt eindeutig, lässt aber zugleich Interpretationsspielraum – und lässt sich wie folgt deuten: Ganzke lässt erst einmal die parteiinterne Findungskommission ihre Arbeit machen und drängt sich nicht auf – hält sich aber ein Hintertürchen für eine Kandidatur offen.

Mario Löhr

Zeitplan

Personalvorschlag zum Jahresende

  • Der sogenannten Landratsfindungskommission der SPD gehören unter Führung von Unterbezirkschef Oliver Kaczmarek sieben Sozialdemokraten an.
  • Damit sind nicht alle Orts- und Stadtverbände im Kreisgebiet vertreten. Kaczmarek aber spricht von einer regionalen Ausgewogenheit in der personellen Besetzung.
  • Bislang hat das Gremium einmal getagt, für kommenden Montag ist die nächste Sitzung anberaumt.
  • In spätestens zwei bis drei Monaten, so Kaczmarek, solle vonseiten der Kommission ein Personalvorschlag erfolgen. Der soll dann den formalen Weg durch die Parteigremien gehen.

Im Mittel- und Südkreis eher unbekannt, aber deswegen nicht automatisch chancenlos ist Mario Löhr. Der 47-Jährige ist bereits seit 2009 Bürgermeister von Selm – und hat dort einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Anfangs von manchen belächelt, erwarb sich der gelernte Industriemechaniker und frühere Schichtleiter bei Remondis schnell einen exzellenten Ruf – als Macher und Malocher. Sein großes Plus: Löhr ist kein Bürokrat, sondern steht für Hemdsärmeligkeit und Bürgernähe, ist Mitglied in ungezählten Vereinen – von den Schützengilden bis zur Freiwilligen Feuerwehr. Aus Parteikreisen ist zu hören, dass Löhr 2020 nach dann über zehn Jahren im Bürgermeisteramt, aber noch relativ jung an Lebensjahren nach Höherem strebt. „Er will Landrat werden“, sagt ein Parteifreund. Löhr selbst weilt derzeit im Urlaub und war deshalb für unsere Zeitung in dieser Woche nicht zu erreichen.

Der weitere Kreis

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Landratskandidatur unter den vier erstgenannten Herren ausgemacht wird. Dass es sich ausschließlich um Herren handelt, zeigt freilich auch: Eine weibliche Kandidatin haben die Genossen im Kreis Unna schlicht nicht. Auch im erweiterten Kreis potenzieller Kandidaten tummeln sich ausschließlich Männer.

Noch vor einem Jahr wurde der damalige Kreisdirektor Dr. Thomas Wilk als einer der Ersten genannt, wenn es um den potenziellen nächsten Landrat ging. Und das nicht nur, weil er als zweiter Mann im Kreishaus bereits die Stellvertreter-Rolle ausfüllte, die auch Michael Makiolla und Gerd Achenbach als Startrampe ins Landratsamt nutzten. Wilk genoss im Kreishaus fachlich wie menschlich einen ausgezeichneten Ruf, profilierte sich in der Sanierung des Kreishaushalts. Das blieb auch Landesministerin Ina Scharrenbach (CDU) nicht verborgen – die den 46-Jährigen Ende 2017 zu sich ins Bauministerium nach Düsseldorf holte. Als Landratskandidat dürfte Wilk damit aus dem Rennen sein.

Für seinen Nachfolger Mike-Sebastian Janke, erst seit ein paar Wochen im Amt, dürfte die Wahl 2020 indes zu früh kommen. Der neue Kreisdirektor wirkt zwar sehr ambitioniert, ist aber mit 35 Jahren auch noch sehr jung – und dürfte vermutlich eher ein Mann der Zukunft sein.

Ähnlich sieht es im Falle von Dimitrios Axourgos aus. Der ebenfalls 35-Jährige ist seit dem Frühjahr Bürgermeister von Schwerte – und sein triumphaler Wahlsieg mit rund 57 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang war eine faustdicke Überraschung. Dass der gebürtige Grieche das Bürgermeisteramt nach nur zwei Jahren mit dem Landratsamt tauschen will, wäre freilich ebenfalls eine.

Den Stallgeruch des Kreishauses und Führungserfahrung immerhin auf Dezernenten-Ebene bringt Torsten Göpfert mit. Der 46-jährige Arbeits- und Sozialdezernent und frühere persönliche Referent Michael Makiollas ist aber trotz SPD-Mitgliedschaft eher Verwaltungsmensch als Politiker und dürfte daher nicht zum engeren Kreis der Landratsanwärter zählen.

Die Delegierten der SPD-Stadt- und Ortsverbände im Kreis Unna kommen an diesem Samstag in Werne zum Unterbezirksparteitag zusammen. Auf der Tagesordnung steht die Kommunalwahl 2020 nicht. Stattdessen befassen sich die Genossen mit den Berichten aus dem Vorstand und Anträgen zur Tagespolitik.

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Bildergalerie

Die Landräte des Kreises Unna seit 1961

15.09.2018
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Hubert Biernat (1907-1967) war gleich zweimal Landrat - von 1946 bis 1950 und noch einmal von 1961 bis 1964.© Archiv
Jürgen Girgensohn (1924-2007) folgte 1964 auf Biernat und blieb bis 1970 im Amt© Archiv
Fritz Böckmann (rechts im Bild, 1923-1999) war Landrat von 1970 bis 1988. Auf diesem Foto von 1975 gratuliert der Alterspräsident des Kreistages, Dr. Josef Weskamp, Böckmann zur einstimmigen Wiederwahl.© Archiv
Rolf Tewes (links im Bild, geboren 1935) amtierte von 1988 bis 1999. Das Foto zeigt ihn händeschüttelnd mit Landesgesundheitsminister Hermann Heinemann bei der Eröffnung des Gesundheitshauses Unna am 13. September 1991.© Archiv
Gerd Achenbach (geboren 1941) war Landrat von 1999 bis 2004.© Archiv
Michael Makiolla (geboren 1956) ist Landrat des Kreises seit dem 13. Oktober 2004. Im Jahr 2020 will er nach dann 16 Jahren im Amt abtreten.© Archiv

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