Spurensuche an Orten der NSU-Morde

Denkmäler und Schweigen

Sechseinhalb Jahre lang zogen die Rechtsterroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund mordend durch Deutschland. Zehn Menschen starben. Wie sieht es heute an den Tatorten aus?

BERLIN

28.12.2012, 13:42 Uhr / Lesedauer: 5 min

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NSU-Tatorte

28.12.2012
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Gedenktafeln und Blumen, schlimme Erinnerungen und neue Hoffnungen. Zwischen 2000 und 2007 tötete das Neonazi-Terrortrio NSU zehn Menschen in deutschen Großstädten, neun türkisch- oder griechischstämmige Kleinunternehmer und eine Polizistin. Was ist aus den Tatorten geworden? Die dpa-Korrespondenten haben nachgesehen.

Laub auf rauem Asphalt, es weht ein kühler Wind - die Parkbucht an der Liegnitzer Straße ganz im Süden Nürnbergs ist kein Ort, der zum Verweilen einlädt. An den Tod des türkischen Blumenhändlers Enver Simsek vor mehr als zwölf Jahren erinnert auf den ersten Blick nichts. Doch dann: eine Margeritenblüte im zertretenen Laub. Ein früherer Mitarbeiter des Erschossenen verkauft hier an jedem Wochenende Blumen - so wie einst Simsek selbst. Die Angst, dass in jedem vorbeifahrenden Auto ein neues rechtsterroristisches Killerkommando sitzen könnte, trägt er weiter mit sich rum, hat er unlängst einem Zeitungsreporter verraten. Trotzdem will er den Standort nicht verlassen.

Keine Kerzen, keine Blumen, keine Gedenktafel - trotzdem kennt hier in der Nürnberger Südstadt jeder die tragische Geschichte des Ladens mit den dekorativen Bogenfenstern. Im Juni 2001 finden Passanten den türkischen Änderungsschneider Abdurrahim Özüdogru blutüberströmt in seinem Laden, getötet durch zwei Kopfschüsse. „Meine Frau hat auch öfters Kleider zum Ändern hingebracht“, erinnert sich ein älterer Herr im Vorbeigehen. „Furchtbar so eine Tat.“ Heute ist der Laden bis zur Decke gefüllt mit asiatischem Kunsthandwerk und Gerümpel. Die Fensterscheiben sind fast blind vor Schmutz, von den Fensterrahmen blättert die Farbe ab. Der Blumenladen, der nach Özüdogrus Tod einzog, machte bald wieder dicht. Zu wenige Kunden, berichtet der ältere Herr. „Nach dem, was dort geschehen war, haben sich kaum noch Leute in den Laden getraut. Das hält kein Ladenbesitzer lange durch.“

In der Hamburger Schützenstraße erinnert an diesem Dezembertag nichts an den 27. Juni 2001, als hier der türkischstämmige Gemüsehändler Süleyman Tasköprü erschossen wurde. Den Laden gibt es schon lange nicht mehr, ein Fahrradgeschäft ist eingezogen. Nur wenige Passanten kommen vorbei - und manche wissen gar nicht, dass der NSU genau an dieser Stelle einen Menschen mit Kopfschüssen tötete. Damit sich das ändert, soll in der Nähe bald ein Gedenkstein errichtet werden. Wenige Meter weiter arbeitet die Türkin Sevim Sahin in einer Bäckerei. Das Geschäft hat erst nach dem schrecklichen Verbrechen aufgemacht, die 55-Jährige kannte das Opfer nicht mehr persönlich. Trotzdem sagt sie: „Ich muss immer daran denken, wenn ich an dem Tatort vorbeilaufe.“

Den Gemüseladen in München-Ramersdorf, in dem vor über elf Jahren der Türke Hablil Kilic erschossen wurde, betreibt heute wieder ein Türke - und auch er verkauft Gemüse. Angst hat er nicht, sagt er. Bisher habe er keine Probleme mit den Rechten gehabt. Trotzdem will er nicht, dass sein Name in der Zeitung zu lesen ist. Über den Mann, der lange vor seinem Einzug hier starb, kann oder will er nur vier Worte sagen: „Ich kenne ihn nicht.“

Die Hansestadt Rostock ist noch auf der Suche nach dem richtigen Weg, die Trauer und Wut über die Ermordung des 25-jährigen Imbiss-Verkäufers Mehmet Turgut auszudrücken. Der erste Anlauf, die Straße, an der der Imbiss-Container stand, in Mehmet-Turgut-Straße umzubenennen, ist im Mai am Widerstand des zuständigen Ortsbeirats gescheitert. Er wollte keinen Wallfahrtsort für Rechte errichten. Turgut hielt sich illegal in Deutschland auf. Eigentlich lebte er in Hamburg, in Rostock war er nur zu Besuch. Mit den Eltern in der Türkei Kontakt aufzunehmen, war nach Angaben der Stadt ausgesprochen schwierig. Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) ist dennoch zuversichtlich, dass es gelingt, 2013 am Tatort einen Gedenkstein oder eine Tafel zu errichten. Der Text könnte gleichzeitig an die Ereignisse in Rostock-Lichtenhagen im Sommer 1992 erinnern. In der Plattenbau-Vorstadt hatten rechte Randalierer tagelang ein überfülltes Asylbewerberheim belagert und schließlich unter dem Applaus von Anwohnern Brandsätze geworfen.

Ein gepflasterter Parkplatz, davor ein zerbeulter Zaun - vom Imbissstand von Ismail Yasar fehlt jede Spur. Im Juni 2005 wurde er kaltblütig niedergeschossen. Irgendwann später wurde der Stand abgerissen. Trotzdem können sich hier alle gut an Yasar erinnern. „Das war ein alter Mann. Er war immer gut zu den Kindern“, erzählt eine ältere Dame auf dem Weg zum Supermarkt. „Die Kinder haben ihn so gemocht. Wenn es kalt war, hat er ihnen immer kostenlos warmen Tee ausgeschenkt.“ Auch eine Nachbarin erinnert sich: „Ich bin hier oft vorbeigekommen. Er saß oft auf der Bank vor seinem Stand. Das war ein sehr lieber Mann. Er hat den Kindern immer was gegeben.“

Normalerweise hat er keine Angst - „nur abends, wenn es ruhiger ist“. Mehmet hat einen Döner-Imbiss in München. Früher war an dieser Stelle ein Schlüsselladen. Genau hier wurde am 15. Juni 2005 der Grieche Theodoros Boulgarides erschossen. Mehmets Eltern bieten den Fremden Kaffee an, er selbst legt frische Kartoffelpuffer in die Theke. „Möchten Sie probieren?“, fragt die Mutter. Gastfreundschaft wird großgeschrieben, selbst den Journalisten gegenüber, die in Scharen den kleinen Laden besuchen und die immer selben Fragen stellen: Sie sei seit 1973 in Deutschland, habe bisher nie Probleme gehabt, erzählt die 58-Jährige ein weiteres Mal geduldig. Aber: „Wir sind Ausländer. Man sieht die Menschen, wie sie aussehen - aber man kann nicht in sie hineinsehen.“ Zum Prozess gegen die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe, der im Frühjahr in München beginnen soll, wird Mehmet nicht gehen. „Keine Zeit“, sagt er. 2009 hat er das Geschäft gemietet, ohne von der Vorgeschichte zu wissen. „Das haben wir erst von den Nachbarn erfahren, als wir eingezogen waren.“

Bei der Enthüllung des Gedenksteins für Mehmet Kubasik im September legen Angehörige und sogar Journalisten Rosen nieder. Die Witwe küsst den Stein, bricht zwischen ihren Kindern zusammen. Auch an diesen trüben Dezembertagen wirkt der Gedenkstein aus poliertem Granit schön wie bei der Enthüllung. Heller Stein mit schwarzer Inschrift, eingerahmt von schweren, schwarzen Ketten: „Zum Gedenken an Mehmet Kubasik - Ermordet am 4. April 2006 durch rechtsextreme Gewalttäter.“ An der Gedenkstätte liegen verwelkte Rosen und ein Tannengesteck, daneben eine einsame Kerze. Der türkische Buchladen, der auf Kubasiks Kiosk folgte, hat die grauen Rollläden heruntergelassen. Über der Tür hängt kaputt wie eh und je das alte Kioskschild. Im Vorbeigehen wirft ein Schuljunge einen Blick auf den Stein.

Am beschmierten Zigarettenautomat zwei vergilbte Aufkleber: „Nazi Fuck off“ und „Kein Ort für Nazis“. Sonst erinnert nichts mehr an den Tod des türkischstämmigen Halit Yozgat in Kassel. Sein Internetcafé ist einem Warenhandel gewichen. Das Grablicht, das lange vor dem Eingang stand, ist verschwunden. Es gibt einen neuen Platz der Trauer in Kassel: den „Halitplatz“, nur wenige Schritte entfernt und in Sichtweite. Hier hat die Stadt einen Gedenkstein aufgestellt. Auf dem Stein liegt eine frische Rose. „Eine Kundin hat sogar wöchentlich einen Strauß bestellt“, sagt Sabine Carle-Wallheinke vom Blumengeschäft nebenan. Auf dem Boden am Gedenkstein liegen auch Brotstücke. Muslime glauben, wenn im Namen eines Gestorbenen Essen gespendet wird, hilft das für den jüngsten Tag, erklärt Kamil Saygin, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt.

Die metallene Gedenktafel steht unter einem Baum an der nordwestlichen Ecke des Festplatzes Theresienwiese. Wenn Dragica und Muradif Atic auf einem Spaziergang vorbeikommen, bringen sie manchmal eine Kerze mit. Mit der nur wenige Meter weiter ermordeten Polizistin Michèle Kiesewetter sind die beiden in Kroatien geborenen Heilbronner nicht verwandt. „Ich weiß gar nicht so recht, warum wir das machen“, sagt Dragica Atic. Die Tat habe sie und ihren Mann betroffen gemacht. „Wenn ich hier vorbeigehe, empfinde ich Trauer und Erschrecken“, sagt die 61-Jährige. „Irgendwie bekommt man Angst.“