„Stiller“ will raus aus seinem eigenen Leben

Schauspielhaus Bochum

BOCHUM. Raus aus dem alten Leben, ein anderer sein, sich neu erfinden - wer hat nicht schon davon geträumt. Kann man der eigenen Identität entkommen, kann man auch in den Augen der anderen ein neuer Mensch werden: Max Frisch hat daraus einen großartigen Roman gemacht, Eric de Vroedt über 50 Jahre später sehens- und nachdenkenswertes Theater.

03.04.2016 / Lesedauer: 3 min
„Stiller“ will raus aus seinem eigenen Leben

Im Gefängnis seines eigenen Lebens: Michael Kamp als James Larkin White. Im Hintergrund: Bettina Engelhardt als seine Geliebte und Matthias Redlhammer als deren Mann Rolf.

"Ich bin nicht Stiller" - der Mann im hellen Anzug wird es im Laufe des dreistündigen Theaterabends im Schauspielhaus Bochum beschwören, wütend und verzweifelt schreien, am Ende mit einem kleinen ironischen Lächeln behaupten. Und doch ist er es: Anatol Ludwig Stiller, Bildhauer, der vor sieben Jahren spurlos verschwand und dann mit einem amerikanischen Pass unter dem Namen James White an der Grenze aufgegriffen wird.

Im grauen Gefängnishof

Maze de Boer hat für de Vroedts Inszenierung einen hohen, grauen Gefängnishof geschaffen. Stiller wird der Prozess gemacht. Von allen Seiten wird der Mann beobachtet und bedrängt, in dem sie ihn wiedererkennen, den Ehemann, den Geliebten, den Sohn - eben Stiller.

Packendes Drama

Lichtwechsel oder Videoeinspielungen hinter großen Fenstern reichen, um Raum für die Menschen in Stillers Kopf zu schaffen. Eric de Vroedt verzichtet auf den Erzähler und macht damit aus der Prosa ein packendes Theaterdrama. So konfrontiert er Stiller mit sich selbst auf der Bühne. Anfangs distanziert und manchmal fassungslos, später zunehmend mitfühlender beobachtet Stiller (Michael Kamp) Szene für Szene, wie sein früheres Ich (Damir Avdic) seine Frau (Therese Dörr) kennenlernt, eine unglückliche Ehe führt, eine Geliebte (Bettina Engelhardt) hat, die wiederum mit ihrem Mann (Matthias Redlhammer) eine andere Art von unglücklicher Liebe durchläuft.

Du sollst Dir kein Bildnis machen - dieses Gebot auf unsere zwischenmenschlichen Beziehungen bezogen, dieses zentrale Thema bei Max Frisch zieht sich durch den Abend. Aber es geht um mehr als nur die Frage nach der Identität. Dass Liebe die Macht der Bildnisse, die wir von uns und anderen machen, aufheben kann, ist eine Spur, auf die de Vroedt die Zuschauer lenkt.

Roman ist neu zu entdecken

Vieles wird zwangsläufig nur angerissen in der Theaterfassung von Reto Finger. Wie sich Schwerpunkte verschoben haben, welche Deutungen sich noch anbieten, kann man nur vermuten. Es lohnt, den Roman von Max Frisch, der am Montag (4.4.) vor 25 Jahren starb, (wieder) zu entdecken. Und darauf macht der Theaterabend auf jeden Fall große Lust.

Karten unter Tel. (0234) 33 33 55 55.