Superintendent Hagmann spricht über Kirche

Interview

Er ist der jüngste Superintendent in Nordrhein-Westfalen: Gerald Hagmann, der bislang als Gemeindepfarrer in Harpen aktiv war, wird am Freitag (4.) in sein neues Amt als Oberhaupt des Evangelischen Kirchenkreises Bochum eingeführt. Im Interview mit unserem Mitarbeiter Benjamin Hahn sprach er über seine Arbeit und die Aufgaben für die Kirche.

BOCHUM

, 03.09.2015, 09:00 Uhr / Lesedauer: 4 min
Superintendent Hagmann spricht über Kirche

Der scheidende Superintendent Peter Scheffler (r.) gratuliert seinem Nachfolger Dr. Gerald Hagmann nach der Wahl am Samstag in Bochum.

Sie haben in Bochum studiert und arbeiten lange Jahre hier. Sind Sie eigentlich gebürtiger Bochumer oder hat es Sie hierhin verschlagen?

Mich hat es hierhin verschlagen. Ich bin zum Studium hierhin gekommen und habe dann sehr schnell eine Affinität zum Ruhrgebiet und speziell zu Bochum entwickelt, sodass es nicht nur Zufall ist, dass ich in dieser Stadt hängen geblieben bin. Ich hab mich von Anfang an sehr wohl gefühlt und hab gespürt, dass das ein Ort ist, an dem man nicht nur gut sein kann, sondern der auch irgendwie schön ist.

Woher kommen Sie ursprünglich?

Aus dem Münsterland, aus Burgsteinfurt. Deshalb habe ich auch die erste Hälfte meines Studiums in Münster verbracht und dann, ich glaube 1996, den Schritt ins Ruhrgebiet gemacht.

Wieso entwickelt man eine Affinität zum Ruhrgebiet?

Das ist eine gute Frage. Ich glaube, es hängt in erster Linie damit zusammen, was man für Menschen trifft. Ich hab im Ruhrgebiet einfach sofort Menschen gefunden, mit denen man per Du war. Man war sich sofort nah und hatte einen direkten Kontakt. Das war nicht nur in der Fakultät so, sondern auch im Lebensumfeld. Es gab da sehr schnell gute und enge Kontakte. Man sagt dem Ruhrgebiet ja nach, dass hier viele Menschen wohnen, die eine sehr direkte Art und etwas sehr verbindendes haben. Das hab ich auch wirklich so erfahren.

Wie kamen Sie darauf Theologie zu studieren?

Ich hab schon lange in der Kirche mitgearbeitet als diese Entscheidung fiel. Ich habe das Studium bewusst mit dem Ziel Pfarramt begonnen. Das hing damit zusammen, dass ich mich in meiner Jugendzeit in der Gemeinde sehr engagiert habe. Ich habe dort in einer Band gespielt und später auch Kirchenmusik gemacht und in anderen Bereichen der Jugendarbeit mitgemacht. Insofern gab es eine enge Bindung zur Kirche. Es hängt natürlich mit dem Glauben zusammen, aber ich habe in dieser ehrenamtlichen Tätigkeit auch den Pfarrberuf kennengelernt und dachte, dass das ein wunderbarer Beruf ist. Er ist sehr vielseitig und vielschichtig, man hat mit Menschen aller Generationen und in allen Lebenslagen zu tun.

Haben Sie Unterschiede zwischen dem Münsterland und dem Ruhrgebiet im Gemeindeleben festgestellt?

Vermutlich gibt es sie, aber ich habe sie so nicht festgestellt, weil ich zwar aus dem Münsterland komme, aber Steinfurt ist eine Stadt, die evangelisch geprägt ist. Burgsteinfurt war daher immer eine ökumenisch orientierte Stadt. Das habe ich hier im Ruhrgebiet auch erlebt. Aus dieser Zeit habe ich auch das ganz große Interesse an Ökumene mitgebracht. Das ist eines der Themen, für die ich mich sehr eingebracht habe. Da erlebe ich auch ein gutes Miteinander in Bochum.

Global betrachtet: Ist Ökumene für beide großen Kirchen ein Thema?

Ich glaube ja. Was vielen Mut macht, sind die vielen ökumenischen Initiativen vor Ort in den Gemeinden. Wenn in der Medienlandschaft gelegentlich vom Stillstand der Ökumene die Rede ist, dann ist das ein ernstzunehmendes Problem, dass auch kirchenleitende Ebenen betrifft – auch theologisch. Was mich aber freut ist, dass es so viel Engagement in den Gemeinden gibt.

Welche Rolle spielt eigentlich die Kirche noch in einer Stadt wie Bochum?

Im Zuge der jetzigen Oberbürgermeisterwahl ist von vielen Kandidaten geäußert worden, dass wir immer noch eine Rolle spielen. Ich sag das jetzt über diesen Umweg, weil es nicht nur eine kirchliche Eigenwahrnehmung ist, dass wir immer noch eine Rolle spielen, wenngleich man sagen muss, dass die Kirchen kleiner werden. Das ist ja bundesweit so. Die Evangelische Kirche Deutschland hat eine große Studie zur religiösen Situation unserer Mitglieder in Auftrag gegeben. Auch dabei ist natürlich festgestellt worden – und das will ich auch gar nicht verschweigen -, dass Kirche und Religion für viele Menschen eine kleiner werdende Rolle spielt. Dass wir aber immer noch eine Rolle spielen, liegt an den vielen konfessionellen Kindergärten, in denen wir uns mit großem Engagement einbringen. Wir haben große diakonische Einrichtungen und haben Bereiche, in denen wir sehr aktiv sind, wie die Notfallseelsorge oder die Arbeit mit den schutzsuchenden Menschen, den Flüchtlingen.

Macht Sie das nicht zu einem Sozialdienstleister, wo der Glauben nur noch im Hintergrund eine Rolle spielt?

Das glaube ich nicht. Zum einen ist an unsere Sozialdienstleistung eigentlich geknüpft, dass wir das aus unserer ureigenen Situation heraus tun. Ich bin ein großer Anhänger des Kirchenbildes von Dietrich Bonhoeffer. Für den waren die beiden Dimensionen der Kirche wichtig: Kirche ist nur Kirche, wenn wir Kirche für andere sind. Also in unserem Tun uns für andere Menschen einsetzen. Für Bonhoeffer hängt das aufs Engste zusammen mit unserer eigenen christlichen Identität und damit, dass Gott – um es mit Bonhoeffer zu sagen – gleichermaßen auf aufrichtige Gebete, wie auf wahrhaftige Taten wartet. Das steht für mich in einem unauflösbaren Zusammenhang. Die andere Dimension ist für mich, schaut man sich einmal das Grundgesetz an, dass wir in unserem Kulturkreis in Werten leben, die sich die Gesellschaft nicht selbst gibt, sondern die gegeben sind. Das hängt mit der christlichen Kultur zusammen.

Woher sollen diese Werte denn kommen? Sind gesellschaftliche Werte nicht immer gesellschaftliche Konstruktionen, menschengeschaffen und Ausdruck bestimmter Machtdiskurse?

Ich glaube, dass uns da nochmal die Historiker helfen können. Ich widerspreche Ihnen gar nicht, sage aber, dass historisch betrachtet, die Religiosität der Menschen, die diese Ordnung mitgeschaffen haben in früheren Zeiten eine größere Rolle spielte als heute. Dass wir sozusagen in diesem Wertekanon, der uns heute prägt, leben, der von Menschen geschaffen wurde, die noch einmal in einer anderen religiösen Grundprägung waren und der Zusammenhang von Religion und Werteordnung viel größer war. Das würde aber tatsächlich auch noch mal einen guten historischen Diskurs verdienen.

Kommen wir noch einmal zurück zu Bochum: Wie wollen Sie den Kirchenkreis in den nächsten Jahren prägen?

Es hat in der Evangelischen Kirche Tradition, dass den Ehrenamtlichen, die im Presbyterium die Gemeinden leiten, eine große Verantwortung zukommt. Das ist mir sehr wichtig. Dass wir die presbyteriale Ebene stärken und nicht von oben herab diktieren, wie evangelisches Leben in Bochum auszusehen hat. Dass wir uns als Kirchenkreis als Dienstleister für diese ehrenamtliche Ebene verstehen. Ich möchte gerne ein dienendes Amt einnehmen und den anderen Ebenen dienend zur Seite stehen, sie begleiten und vernetzen. Denn das Entscheidende ist, dass in den Presbyterien die Zukunft der Gemeinden liegt und dort auch Kompetenzen sind, die wir hier am Westring gar nicht haben können.

Aber Sie haben doch bestimmt ein paar Sachen, die Ihnen sehr am Herzen liegen.

Keine Frage. Zwei Sachen will ich dazu nennen: Ich will mich dafür einsetzen, dass der eben genannte Leitgedanke Bonhoeffers in der Evangelischen Kirche in Bochum Wirklichkeit wird. Dass wir die dienende Kirche und das geistliche Leben korrespondieren lassen. Das zweite Thema ist, dass wir uns ganz intensiv um Kinder- und Jugendarbeit kümmern müssen. Zum einem aus dem diakonischen Engagement heraus, aber auch kirchlich gedacht und den Jugendlichen ein Mitspracherecht am evangelischen Leben haben. Das war auch Jesus wichtig, dass wir uns an den Kindern und Jugendlichen orientieren müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.