Susanne Linke hat "Ruhr-Ort" rekonstruiert

Schauspielhaus Bochum

BOCHUM. Theater, auch Tanztheater, ist eine flüchtige Kunstform. Es lebt von der Präsenz der Körper im Augenblick. Trotzdem gibt es immer wieder Inszenierungen, die bleiben im kollektiven Gedächtnis. Eine davon wurde jetzt mit Hilfe des Tanzfonds Erbe am Schauspielhaus Bochum rekonstruiert und so zu neuem Leben erweckt: "Ruhr-Ort" der legendären Choreographin Susanne Linke.

26.01.2014, 16:41 Uhr / Lesedauer: 2 min
In der Choreografie "Ruhr-Ort" am Schauspielhaus Bochum wird hart gearbeitet.

In der Choreografie "Ruhr-Ort" am Schauspielhaus Bochum wird hart gearbeitet.

Schon 1991, als die heutige Folkwang-Professorin Susanne Linke "Ruhr-Ort" schuf, bezog sie Bilder und Ästhetik des Stücks aus der Vergangenheit. Sie fuhr mit den Tänzern in eines der verschwindenden Bergwerke ein, besuchte Stahlwerke und nahm fasziniert die rohe Gewalt, Kraft und Waghalsigkeit der männlichen Arbeiter auf. Mit jungen Tänzern aus dem Ruhrgebiet von heute ist sie nun detailgetreu der Struktur und den Choreographien der großen Bewegungsszenen von damals gefolgt.

Drei der jungen Tänzer sind Mitglieder der Herner Streetdance-Kompanie Renegade, die vor kurzem eine feste Proben- und Spielstätte in Bochum bekommen hat. Gemeinsam mit klassisch ausgebildeten Kollegen destillieren sie aus den Schritten der Arbeiter Tanzbewegungen.

Die Inszenierung folgt grob dem Ablauf eines Arbeitstags im Bergwerk. Sie beginnt mit absteigenden Bewegungen: Die Tänzer klettern und rutschen Leitern hinunter, laufen auf der Stelle vor einer wandfüllenden Videoprojektion, die eine Kamerafahrt in die Tiefen der Erde zeigt. Und sie bewegen sich auch vom aufrechten Gang auf alle Viere, als durchliefen sie die Evolution rückwärts, als würden sie wieder zu primitiven Tieren.

Immer noch - oder wieder - beeindruckt die körperliche Präsenz und Kraft der Tänzer. Die körperliche Schwerstarbeit, die sie auf der Bühne vollbringen, bekommt am Anfang auch eine akustische Entsprechung, wenn sie mit aller Kraft dicke Hämmer auf eine Stahlplatte schlagen. Doch die Inszenierung hat auch Momente der Leichtigkeit und Melancholie, wenn die Männer herumalbern wie kleine Jungs, wenn sie an der Leiter baumeln und nachdenklich "Wenn ich ein Vöglein wär" singen.

Das Ende der Kohleförderung im Ruhrgebiet ist zwar besiegelt, die Region sucht eine neue Identität. "Ruhr-Ort" ist gerade deshalb ein wichtiger Akt der Geschichtsverarbeitung - auch was die Genese des Bewegungsrepertoires im modernen Tanz angeht. Es ist gut, dass mutige Menschen es noch einmal aus dem kollektiven Gedächtnis hervorgekramt haben.   Karten unter Tel. (0234) 33 33 55 55.

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