Terror in Hanau: Die kranke rassistische Gedankenwelt des Tobias R.

Elf Tote

Der mutmaßliche Terrortäter von Hanau, der 43-jährige Tobias R., hinterlässt eine Website und eine „Skript“ genannte Mischung aus Lebenslauf und Bekennerschreiben.

Hanau

von Jörg Köpke, Jan Sternberg

, 20.02.2020, 13:47 Uhr / Lesedauer: 3 min
Screenshot aus dem Bekennervideo von Tobias R.

Screenshot aus dem Bekennervideo von Tobias R. © YouTube

Der 43-Jährige mutmaßliche Terrortäter von Hanau handelte aus rassistischen Motiven. Das geht aus einem 24-seitigen Schreiben hervor, das R. auf seiner Website veröffentlichte. R. nennt es „Skript“. Es ist eine mit Zeichnungen versehene Mischung aus Lebenslauf und Bekennerschreiben. Die Website war am Donnerstagvormittag nicht mehr erreichbar. Auch die Polizei wertet sie aus.

Zunächst gibt er auf der mit Bildern eines Weißkopfseeadlers und eines Polarwolfs bebilderten Homepage Auskunft über sich und seine Familie. Er sei in Hanau geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen, habe Zivildienst geleistet und eine Banklehre in Frankfurt/Main gemacht.

Im Anschluss habe er von 2000 bis 2007 in Bayreuth BWL studiert und das Studium abgeschlossen. Ob und wo er nach seinem Studienabschluss gearbeitet hat, lässt er offen. Nie in seinem Leben habe er eine Frau oder Freundin gehabt, schreibt er an anderer Stelle.

Vom 10. bis zum 15. Lebensjahr habe er in der Jugend von Eintracht Frankfurt Fußball gespielt. Sein Vater sei Niederlassungsleiter gewesen und entlassen worden. Über seine Mutter schreibt er nichts. Die 72-Jährige wird im Reihenhaus der Familie tot neben seiner Leiche aufgefunden. „Beide wiesen Schussverletzungen auf, die Tatwaffe wurde bei dem mutmaßlichen Täter gefunden“, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU).

Eine Website wie eine posthume Pressemappe

Ausführlich schildert R. in seinem Pamphlet seine rassistischen Überzeugungen, gibt Auskunft über seine Verschwörungstheorien und Verdächtigungen. Auf seiner Website finden sich noch andere Links: etwa zu einer Strategie für den Deutschen Fußballbund, Links zu US-amerikanischen Verschwörungstheoretikern und ein Video. Darin spricht R. von geheimen US-Militärbasen, in denen Kinder misshandelt werden.

Ähnlich wie der Attentäter von Christchurch, der in zwei Moscheen 51 Menschen erschoss, gibt R. auf der Website fast wie in einer Pressemappe ausführlich Antworten zu seiner Person und seinen Beweggründen. Er muss schon vorher davon ausgegangen sein, dass er nach seiner Terrortat nicht mehr am Leben sein würde.

Als Fazit seines „Skripts“ schreibt er: „Aus all den genannten Gründen blieb mir also nichts anderes übrig, (als) so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen.“ Auch das ähnelt den Attentätern von Christchurch und Halle, die mit ihren Taten eine Art Bürgerkrieg lostreten wollten.

Insgesamt zeigt das Skript einen Mann mit massiven psychischen Problemen und extrem gewalttätigen rassistischen Fantasien.

Massive psychische Probleme

Anscheinend glaubte R., seit frühester Jugend von einer „Geheimorganisation“ überwacht worden zu sein, die seine Gedanken lesen könne. Mit dieser Organisation bringt er auch den Anschlag auf das World Trade Center 2001 in Verbindung.

Zudem hält er die Deutschen für wertvoller als alle anderen Völker. Er fordert einen Genozid an der Bevölkerung aller muslimischen Staaten sowie an der Bevölkerung Israels und mehrerer asiatischer Länder. Über Deutschland schreibt R.: „Nicht jeder, der heute einen deutschen Pass besitzt (ist) reinrassig und wertvoll …; eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen.“

Die Morde an den Gästen der Shisha-Bars sieht R. als „Krieg“: „Als ich nur wenige Jahre alt war, schwor ich mir, wenn ich damit richtig liege, dass ich überwacht werde, dann gibt es Krieg“, schreibt er. Die Mordserie sei ein „Doppelschlag gegen die Geheimorganisation und gegen die Degeneration unseres Volkes“. R. schließt mit dem Satz: „Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist.“

Kein direkter Bezug zu rechtsextremen Ideologen

Dieser Satz knüpft an die rechtsextreme Ideologie der „Überfremdung“ an. Wörtliche Bezüge darauf, wie es sie im „Manifest“ des Attentäters von Christchurch gibt, fehlen bei R. jedoch. Weder referiert er die neurechte Theorie von einem „großen Austausch“ und der angeblich staatlich gesteuerten „Umvolkung“, noch bezieht er sich auf rechtsterroristische Vorbilder wie Anders Behring Breivik, wie es der Christchurch-Mörder und der rassistisch motivierte Attentäter im Münchner Olympia-Einkaufszentrum taten. Auch ein Verweis auf die Migration seit 2015, wie beim Attentäter von Halle, fehlt.

Die Quelle von R.s Rassismus liegt früher. Ausführlich schildert er ein Gespräch mit einem Kollegen während seiner Banklehre in Frankfurt am Main. Die beiden seien sich einig gewesen, dass „bestimmte Volksgruppen“ weniger wert und abzulehnen seien. Er erwähnt „Türken, Marokkaner, Libanesen, Kurden“ und andere.

Viele seiner Opfer in den Shisha-Bars waren kurdischstämmig. Nach einem Banküberfall auf seine Filiale habe er die Verdächtigenkartei durchgesehen, darin seien hauptsächlich „Südländer“ enthalten gewesen.

R. erwähnt außer dieser Unterhaltung mit dem Arbeitskollegen keine anderen Kontakte, weder im Internet noch im persönlichen Gespräch, bei dem es um rechtsextreme oder rassistische Inhalte gegangen sei. Auch die Gamerbezüge, die bei den Attentätern von Halle und Christchurch im Vordergrund standen, fehlen völlig.


Zwischen Selbstmitleid und Überschätzung

Es kann sein, dass R. sich völlig ohne äußere Einflüsse radikalisiert hat, gefangen in seiner eigenen Gedankenwelt. Diese changiert zwischen Selbstmitleid und Selbstüberschätzung: Die Drehbücher mehrerer Hollywoodfilme und die zentralen Slogans des Wahlkampfs von US-Präsident Donald Trump seien in seinem Kopf entstanden, schreibt er unter anderem.

Viel Raum nimmt seine persönliche psychische Leidensgeschichte ein. Die „Überwachung“ sei auch schuld daran, dass er nie mit einer Frau intim wurde. Mehrfach will er wegen der „Überwachung“ Anzeige erstattet haben, zuletzt 2019 bei der Staatsanwaltschaft Hanau und dem Generalbundesanwalt. Auch Privatermittler will er eingeschaltet haben.

Von psychiatrischer oder psychologischer Hilfe oder von einer Behandlung spricht er nicht.