Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

"Terror" stellt Zuschauer vor moralisches Dilemma

Theaterstück als Fernsehfilm zu sehen

Darf ein Kampfpilot ein entführtes Passagierflugzeug abschießen, um die Menschen in einem Fußballstadion zu retten? Darum geht es in dem heiß diskutierten Theaterstück "Terror", das am Montag erstmals als Fernsehfilm zu sehen ist. Wir erklären, was "Terror" so besonders macht.

DORTMUND

, 13.10.2016 / Lesedauer: 4 min

Die TV-Produktion "Terror - Ihr Urteil" ist mit Lars Eidinger (v.l.), Martina Gedeck, Florian David Fitz und Burghart Klaußner toll besetzt. Foto: ARD Degeto / Moovie / Julia Terjung

Worum geht es in dem Stück überhaupt?

Die Handlung ist fiktiv, aber nach dem 11. September 2001 nicht von der Hand zu weisen: Der Jetpilot Lars Koch hat sich eigenmächtig entschieden, ein gekapertes Flugzeug mit einer Rakete zu zerstören. 164 Menschen finden den Tod. Doch 70.000 Menschen in der Münchner Allianz Arena entgehen einer Katastrophe. Jetzt steht der Bundeswehr-Major vor Gericht. Das Gerichtsdrama ist ein anspruchsvolles, aber gut verständliches Gedankenspiel. Es treibt den Zuschauer in ein schwieriges moralisches Dilemma.

Was für ein Autor ist Ferdinand von Schirach?

Ein sehr ungewöhnlicher. Der Prominenten-Anwalt (Jahrgang 1964) veröffentlichte Kurzgeschichten unter den Titel „Schuld und Verbrechen“ und den Roman „Tabu“. Von Schirach interessiert sich sehr für historische Rechtsprechung, das Stück wimmelt von Beispielen. Für die Abstimmung des Publikums dürfte das antike Scherbengericht Pate gestanden haben. Die Bürger Athens konnten auf Scherben notieren, wer verbannt werden sollte.

Wie haben die Menschen in den Theatern abgestimmt?

Der Gustav Kiepenheuer Bühnenvertrieb in Berlin, der die Stückrechte bisher an 54 Theater vergeben hat, sammelt die Abstimmungsergebnisse und veröffentlicht sie online auf der folgenden Karte. Klicken Sie sich durch und zoomen Sie auf Deutschland. Dann sehen sie jedes einzelne Abstimmungsergebniss der bisherigen Vorstellungen. Oben rechts im Menü gibt es weitere Statistiken und Infos.

Das Laden der Karte kann einen Moment dauern.

Wann ist die Ausstrahlung im Fernsehen und wie funktioniert die Abstimmung?

Der Film läuft am Montag (17. Oktober) um 20.15 Uhr in der ARD sowie zeitgleich in Österreich und der Schweiz. Die Abstimmung erfolgt nach 21.40 Uhr per Telefon oder online. In der anschließenden Sendung „hart aber fair“ wird der Richter, gespielt von Burghart Klaußner, das Urteil verkünden. Anschließend diskutieren Experten.

Lohnt sich das Anschauen?

Unbedingt. Das sachliche Gerichtsdrama von Regisseur Lars Kraume, das den Gerichtssaal nie verlässt, kommt zwar nicht ohne Pathos aus. Aber es ist herausragend gespielt und entwickelt eine große innere Spannung. Vor allem das Duell der Argumente zwischen der großartigen Martina Gedeck als Staatsanwältin und Florian David Fitz als dem äußerlich sehr kontrollierten Piloten, der innerlich brodelt, ist mitreißend.

Wo kann ich das Stück auf der Bühne sehen?

Zum Beispiel im Borchert Theater Münster (Tel. 0251/400 19) oder im Düsseldorfer Schauspielhaus (Tel. 0211/36 99 11). Das Stück ist immer ausverkauft, man sollte sich rechtzeitig um Karten kümmern. Die Konzertdirektion Landgraf tourt mit dem Drama – zu sehen am 18.10 in Lünen und am 2.11. in Marl.

Wie funktioniert eigentlich technisch die Abstimmung im Theater?

Ganz unterschiedlich, sagt Bernd Schmidt, Leiter des Kiepenheuer Bühnenvertriebs. Meistens durch einen „Hammelsprung“ – die Besucher betreten den Raum nach einer Pause durch zwei Türen. Eine für „schuldig“, eine für den Freispruch. In Frankfurt gibt es Geräte, auf die die Besucher drücken können, in München eine Lichtschranke und in Stuttgart Urnen.

Wie sind die Reaktionen?

Er habe noch nie erlebt, dass die Zuschauer im Theater so leidenschaftlich und aufgewühlt debattieren, erzählt Bernd Schmidt. Bei der Verkündung des Urteils hat er schon laute Zwischenrufe gehört. Die Presse überschlug sich vor Lob. „Als wäre Schiller als Dramatiker zurückgekehrt“, so die Süddeutsche.

Gibt es das als Buch? Oder im Kino?

Beides. Am Freitag (14. 10.) war der TV-Film in 100 deutschen Kinos zu sehen, darunter im Cinestar Dortmund und Cinemax Essen.

Gibt es auch Kritik am Stück?

Franz Wille, Redakteur der Fachzeitschrift „Theater heute“, hat seine Kritik ironisch verpackt (hier in Auszügen): „Wenn Sie, liebe Dramatikerin, lieber Dramatiker, demnächst einen neuen Schirach schreiben wollen, lassen Sie keine Fragen offen, sondern erklären alles in leicht fasslicher Breite. Ein solides 50er-Jahre-Gerichtsdrama ist immer hilfreich. Verteilen Sie ihre Argumente möglichst hölzern auf zweibeinige Thesenträger.“ Der TV-Film gibt nun einem sehr breiten Publikum die Chance, sich über das Stück und sein Thema eine eigene Meinung zu bilden. Doch Vorsicht: Einfach ist das nicht.

Infos zur TV-Abstimmung am 17. Oktober
Die Telefonnummer lauten: Tel. (0137) 102 20 01 (schuldig) oder (0137) 102 20 02 (unschuldig). Der Anruf kostet laut ARD 14 Cent aus dem deutschen Festnetz. Die Online-Abstimmung läuft auf: