„The Circle“ warnt vor der schönen neuen Digitalwelt

Im Kino

Sage keiner, dass Hollywood nur doofe Filme macht. Ab und zu bringt die Traumfabrik Sprengstoff auf die Leinwand, Filme, die etwas sagen über die Welt. „The Circle“ warnt vor einem digitalen Faschismus, allerdings sehr schulmeisternd und mit einem Finale, dass wie eine Beruhigungspille daherkommt.

04.09.2017 / Lesedauer: 3 min
„The Circle“ warnt  vor der schönen neuen Digitalwelt

Besprechung im Büro der Chefs: Die Gründer der Firma „The Circle“, Tom Stenton (Patton Oswalt, m.) und Eamon Bailey (Tom Hanks), haben große Pläne mit ihrer Angestellten Mae (Emma Watson).

Der Film von James Ponsoldt (auch Drehbuch) beruht auf dem Bestseller von Dave Eggers und ist wie er als Warnruf vor der totalen Vernetzung zu lesen.

Die Visionäre des Konzerns „The Circle“ träumen vom gläsernen Menschen, von omnipräsenten Kameras, von einem System, das all unsere Daten zusammenführt, von digitaler Demokratie mit transparenten Politikern. Was sie in ihren Weltbeglückungs-Fantasien ausblenden, ist die Gefahr eines allwissenden großen Bruders, der jede Normabweichung registriert und zum Totengräber der persönlichen Freiheit werden kann.  

Nuancen erschlagen

Der kritische Kern des Romans bleibt in der Verfilmung erkennbar. Gleichzeitig arbeitet der Film mit Vergröberungen, Personalisierungen und Schwarzweiß-Malerei. Er schwingt die Moralkeule, erschlägt aber Zwischentöne und Nuancen des komplexen Themas. Es ist leichter, schwarze Schafe an den Pranger zu stellen, als ein strukturelles Geflecht zu durchleuchten, das als Schrittmacher der schönen neuen Digitalwelt fungiert. Mae (Emma Watson) ist glücklich, Teil dieser Welt zu sein. Ihr Arbeitgeber heißt „The Circle“.

Spielwiese und Wohlfühl-Kindergarten

Ein Konzern, dessen „Campus“ nach Spielwiese und Wohlfühl-Kindergarten aussieht (ähnlich der Zentrale von Google). Yoga hier, Volleyball da, und arbeiten dürfen die Angestellten auch! Alles supi in der Firma. Umgeben von Dauer-Smileys lernt Mae, dass man bei The Circle sein Leben öffentlich macht.  

Wie sagt Eamon Bailey (Tom Hanks als Wiedergänger von Steve Jobs), der Chef des Konzerns: „Sharing is caring“, sein Leben zu teilen, ist Pflicht, denn die Firma kümmert sich. Maes Papa (Bill Paxton) hat MS? The Circle sucht die besten Ärzte.

Vom Saulus zum Paulus

Die Eltern kriegen kalte Füße ob der Umarmung durch die Firma. Mae steigt derweil zur Galionsfigur des Circle auf, zur komplett verwanzten Werbe-Ikone. Mit Minikameras wollen ihre Chefs die Erde bestücken: „Wissen ist gut. Alles zu wissen, ist besser!“ Nun dämmert es Mae, wie pervers das ist. Sie fädelt einen Trick ein, mit dem sie Bailey vor Kameras übertölpelt. Ihre Wandlung vom Saulus zum Paulus leuchtet nicht recht ein, man fremdelt ohnehin mit Watsons Figur. Am Schluss (anders als im Buch) kassiert der Film viel von seiner Schärfe wieder ein, schade drum.