Theater über NSU-Terror für Dramatikerpreis nominiert

"Stücke" in Mülheim

Es geht um Alltagsrassismus, rechtsextreme Gewalt und das Schicksal von Flüchtlingen: Sieben Inszenierungen mit überwiegend aktuellen politischen Themen sind für den 40. Mülheimer Dramatikerpreis nominiert.

MÜLHEIM

, 03.03.2015, 16:42 Uhr / Lesedauer: 2 min
Theater über NSU-Terror für Dramatikerpreis nominiert

Yael Ronen feiert mit dem Stück »Common ground« ihr Debüt bei den Mülheimer Theatertagen.

Das Auswahlgremium hat aus 98 Inszenierungen sieben aktuelle Stücke ausgewählt. „Es sind Themen, über die das Land auch abseits des Theaters diskutiert“, sagte Tobias Becker von der Auswahljury am Dienstag bei der Vorstellung.

Trendthema des Theaterjahres seien die Taten der Terrorzelle NSU gewesen. Es wäre problemlos möglich gewesen, das komplette Festival nur mit ihnen zu bestücken, so Becker.

Die nominierten Stücke:

 

  • „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“: Autor Dirk Laucke zeigt den allgegenwärtigen Morast, in dem Terrorzellen gedeihen können. Das Stück des Schauspiel Stuttgart über den NSU ist eine Szenencollage.
  • „Homo Empathicus“: Mit Rebekka Kricheldorfs Gesellschaftssatire  des Deutschen Theaters Göttingen habe die Autorin den Wunschtraum nach einer politisch korrekten Gesellschaft zu Ende geträumt, sagt Becker. „Sie ist in einem Albtraum aufgewacht.“
  • „Wunsch und Wunder“: Oft heißt es, das richtig gute Theater sei Metropolentheater, sagt Becker. „Zwei der sieben besten Stücke haben wir in der sogenannten Provinz gefunden.“ Auch das Saarländische Staatstheater wird vertreten sein. Das Stück von Felicia Zeller ist eine Groteske über die Mitarbeiter einer Praxis für Reproduktionsmedizin.
  • „Die Schutzbefohlenen“: Großes Aufsehen hat Elfriede Jelinek wuchtige, kämpferische Wut- und Klagerede zum Flüchtlingsdrama vor Lampedusa erregt. In Mülheim wird die Inszenierung des Hamburger Thalia Theaters zu sehen sein.
  • „Die lächerliche Finsternis“: Das Kriegsstück  von Wolfgang Lotz ist eine Überschreibung von Joseph Conrads Erzählung „Herz der Finsternis“ und Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“. Es gibt ebenso wie bei Jelinek mehrere Inszenierungen, überzeugt hat das Auswahlgremium die Uraufführung des Wiener Burgtheaters im Akademietheater.
  • „Die Unverheiratete“: Im Drei-Generationen-Drama von Ewald Palmetshofer, ebenfalls eine Inszenierung des Wiener Burgtheaters im Akademietheater, hat das Gremium vor allem die Leistung der Schauspielerinnen überzeugt.
  • „Common Ground“: Wer  das Stück von Yael Ronen gesehen habe, werde nie wieder behaupten, die großen Emotionen seien nur im Kino zu Hause, sagt Becker. In der Inszenierung des Berliner Maxim Gorki Theaters ist Ronen mit Schauspielern ins ehemalige Jugoslawien gereist und stellt die Erlebnisse der Recherche in den ehemaligen Kriegsgebieten auf der Bühne nach. "Wer Common Ground gesehen hat, glaubt ans Gegenwartstheater", so Becker.

Um den Kinderstücke-Preis konkurrieren bei den Theatertagen Mülheim fünf Werke. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Das sind die Nominierten:

  • „Mein ziemlich seltsamer Freund Walter“ von Sybille Berg
  • „Dreier steht Kopf“ von Carsten Brandau
  • „Ein Känguru wie du“ von Ulrich Hub
  • „Zaubermühle“ von Katrin Lange
  • „Patricks Trick“ von Kristo Šagor

„Die Richtung des Mülheimer Wettbewerbs stimmt“, sagte Werner Mink, Sprecher des Auswahlgremiums der Kinderstücke. Das zeige sich vor allem in der immer geringer werdenden Dichte und Abhängigkeit von Bearbeitungen, seien es Bücher, Bilderbücher, Märchen- oder Mythenstoffe. „Im Gegenzug gab es noch nie eine so hohe Zahl an originären Texten und diese zudem mit spürbar größerer literarischer Qualität“, so Mink.

Das Festival deutschsprachiger Gegenwartsdramatik feiert vom 16.5. bis 6.6. im Theater an der Ruhr in Mülheim 40-jähriges Bestehen. Der Mühlheimer Dramatikerpreis wurde 1976 ins Leben gerufen, ist mit 15 000 Euro dotiert und einer der renommiertesten Theaterpreise Deutschlands. Karten ab 28. März: Tel. (0208) 96 09 60

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