Thorsten Bihegue inszeniert Schimmelpfennigs Komödie als Karneval mit Hintersinn

Schauspielhaus Dortmund

Mit Roland Schimmelpfennigs Komödie „Das Reich der Tiere“ feiert das Schauspielhaus Dortmund einen grandiosen Einstieg in die neue Spielzeit. Ein Fest für die Darsteller und saukomisch.

Dortmund

, 06.10.2019, 15:01 Uhr / Lesedauer: 2 min
Thorsten Bihegue inszeniert Schimmelpfennigs Komödie als Karneval mit Hintersinn

Kostüme und Bühnenbild erinnern an einen tierischen Karneval und an das Musical „Der König der Löwen“. © Hupfeld

Wie mögen sich Musical-Darsteller fühlen, die tagein, tagaus Zebras oder Löwen spielen und dabei so hinter Kostüm und Maske verschwinden, dass keiner sie erkennt und als Person und Schauspieler würdigt? Mit Anspielungen auf „Der König der Löwen“ erzählt Roland Schimmelpfennigs „Das Reich der Tiere“ von einem Jahrmarkt der Eitelkeiten, von gekränkten Egos, Existenzängsten und den mentalen Verrenkungen eines Berufsstandes, der spielen muss, um zu überleben. Koste es, was es wolle.

Am Dortmunder Schauspiel hat Thorsten Bihegue Schimmelpfennigs Komödie in Szene gesetzt. Die Premiere am Samstag war ein Triumph, eine Leistungsschau aller beteiligten Gewerke. Tierisch lustig, wunderbar gespielt, keine Sekunde langweilig.

Die Mimik ist gut zu lesen

Wo anfangen mit dem Lob? Was gleich ins Auge sticht, sind die prächtigen Kostüme von Theresa Mielich, stilisierte Tiere, sparsam im Fell, gleichwohl ausdrucksstark.

Alexandra Sinelnikovas Antilope ist eine Gothic-Diva, Marlena Keils Ginsterkatze könnte aus „Alice im Wunderland“ sein, Ekkehard Freyes Zebra lässt an S/M und „Bondage“ denken. Frank Gensers Marabu trägt Kopfputz und hat Schwingen unter den Armen.

Keinesfalls erstickt die Kostümierung die Darsteller – deren Gesicht ist frei, die Mimik gut zu lesen. Das ist wichtig, in den Mienen spielt sich viel von der Komik des Stückes ab. Hier ragt Frank Genser heraus, der seinen Vogel auch als dümmlichen August anlegt und dabei schöne Lacher einfährt.

Das Tier-Musical ist abgespielt

Wie überhaupt alle Viecher körperlich und gestisch prima charakterisiert sind. Christian Freunds Löwe atmet Kraft, als er dem Zebra den Thron im Reich der Tiere streitig macht. Eben waren wir in einem afrikanischen Drama unter Vierbeinern – dann ein Cut, und wir sehen Musical-Darsteller, die sich abschminken, sich anstänkern und Sorge um ihre Zukunft haben.

Das Tier-Musical ist abgespielt, eine frische Produktion wird aufgelegt. Großes Fracksausen: Wer bekommt einen neuen Vertrag? Will ich demnächst ein Toastbrot oder eine Flasche Ketchup verkörpern? Mache ich den Brot-und- Butter-Job oder riskiere ich mein eigenes Ding?

Flott getaktete Inszenierung

Schimmelpfennigs Groteske reflektiert die Härten des Schauspielerberufs, Schnapsideen für Projekte machen die Runde im Ensemble: „Manche mögen’s heiß“ mit einer Prise „Rififi“? Das Stück handelt vom Elend der „Bühnensklaven“, ist eine Satire auf den Theaterbetrieb. Als Schildkröte war Bettina Lieder noch stumm, dann gibt sie die Regisseurin, die das bescheuerte Stück mit dem Toastbrot realisieren wird. Absolut herrlich, wie sie zu einer Tirade ausholt und den Darsteller des Zebras gnadenlos zusammenfaltet.

Einmal mehr paart sich cleverer Text mit flott getakteter Inszenierung und superbem Spiel. Marlena Keil singt wie Nina Hagen, jeder im Ensemble hat sein starkes Solo. Serge Corteyn und Manuel Loos musizieren live, gewinnend auch das Bühnenbild von Oliver Helf. Am Schluss steht eine Parodie auf das Regietheater: ein Ulk aus Dada-Optik und „Kraftwerk“-Konzert für Arme. Köstlich.

Termine: 13. / 18. / 24. / 27. 10., 2. / 9. / 23. 11; Karten: Tel. (0231)502 72 22. www.theaterdo.de
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