Tocotronic-Schlagzeuger Arne Zank über Politik und Proben

Interview vor FZW-Auftritt

Tocotronic ist eine der profiliertesten deutschen Bands. Lieblinge des Feuilleton und irgendwie trotzdem Punk, Trainingsjacken-Chic-Begründer und geistig bewegliche Musiker, denen das Spannendbleiben seit über 20 Jahren gelingt. Mitte Oktober spielen sie im FZW. Zuvor hat Redakteur Felix Guth mit Schlagzeuger und "Toco"-Mitgründer Arne Zank gesprochen.

DORTMUND

, 25.09.2015, 12:26 Uhr / Lesedauer: 4 min
Tocotronic haben in diesem Jahr ihr elftes Album veröffentlicht. Schlagzeuger Arne Zank (links) hat über das Album, die Tour und die Bandgeschichte gesprochen.

Tocotronic haben in diesem Jahr ihr elftes Album veröffentlicht. Schlagzeuger Arne Zank (links) hat über das Album, die Tour und die Bandgeschichte gesprochen.

Am 8. Oktober beginnt die Tour, am 15. ist das Konzert in Dortmund. Muss man eigentlich noch proben, wenn man so lange dabei ist?

Man muss sich schon vorbereiten, weil man nervös ist und weil man die Hände beschäftigen muss. Es war dieses Mal gar nicht so einfach. Dadurch, wie wir die Platte aufgenommen haben, hatten wir schon einiges zu tun, um für die Konzerte die Stücke zu arrangieren.

Was war diesmal anders?

Wir hatten die letzten vier Platten live, alle vier zusammen spielend, aufgenommen und haben die Arrangements vorher zusammen im Proberaum gemacht. Diesmal sind wir mit dem Material, das jeder einzeln gemacht hat, ins Studio gegangen. Dadurch haben wir alle Stücke für die ersten Live-Konzerte im Frühjahr das erste Mal zu viert gespielt. Was für andere Bands ganz normal ist, für uns aber neu.

Wie verändert sich der Blick auf ein Album nach der Veröffentlichung?

Es wird selbstverständlicher, konkreter. Wenn man im Studio ist, hat es etwas sehr Gewagtes. Wenn es dann an der Öffentlichkeit ist und sich materialisiert, dann wird es konkreter. Das ist ein ganz schönes Gefühl. In Phasen, in denen man im Studio ist, ist es ein anderes Musizieren als auf der Bühne. Man hört sich ganz anders.

Was macht ein gelungenes Live-Konzert aus?

Das ist Magie, Zauberei. Manchmal klappt der Trick und die Leute glauben das. Es hat ganz viel mit Publikum und Reaktion und Feedback zu tun, es gibt viele Zutaten. Das Tolle ist, dass man es nicht vorhersagen kann. Manchmal hebt die ganze Sache ab und man merkt, es spielt sich wie von selbst. Wenn ich am Schlagzeug spiele, wie an Fäden gezogen, wie von selbst, das sind dann sehr beglückende Momente.

Gibt es spezielle Erinnerungen an Dortmund?

Ich bin leider der Goldfisch in der Band, der sich am wenigsten an konkrete Orte erinnern kann. Wenn wir dann im FZW stehen, dann kommen die alten Geschichten wieder hoch. Ich weiß, dass wir schöne Konzerte hatten und auch sehr früh in unserer Karriere schon in Dortmund konzertiert haben.

Wie wichtig sind Stichtage wie 10 oder 20 Jahre Tocotronic?

Das ist nicht ganz so schlimm wie runde Geburtstage. Aber es ist ein ambivalentes Ereignis. Auf eine Art freut es einen und macht stolz auf uns alle, dass wir es so lange hinkriegen. Andererseits ist es schockierend wie die Zeit galoppiert. Dadurch, dass man es als Anlass nimmt, um Sachen zu machen wie das Buch „Die Tocotronic-Chroniken“, macht man sich selbst ein Geschenk. Man kann seine eigene Geschichtsschreibung erzählen und viele Witze weitergeben, etwas spinnerte Eigenschaften, die nicht so im Fokus sind.

Wie geht Tocotronic als Band mit der digitalen Entwicklung beim Produzieren, Komponieren oder Veröffentlichen um?

Natürlich haben sich die ganze Aufnahmeprozedur und die Umstände verändert. Man versucht damit umzugehen und lässt sich darauf ein. Manchmal freut man sich aber auch über etwas aus der Zeit gefallene Aufnahmetechniken wie bei unserer vorletzten Platte, die wir auf vier Spuren aufgenommen haben. Ein dauerndes Hin und Her.

Ist digital also doch nicht unbedingt besser?

Wir haben unser erstes Album „Digital ist besser“ genannt, als gerade die CD recht neu war. Wir fanden, es klingt gut. Aber man kann das auch anders sehen. Es gibt auch Problematiken. Es ist ein sehr weites Feld. Mit Downloads und Streaming sind das ganz neue Verteilungskämpfe, die stattfinden, für die das Bewusstsein bei einem selbst erst langsam wächst. Persönlich ist mir spät erst klar geworden, wie der digitale Musikbereich sich durch Downloads verändert und welche Interessen dahinter stehen. Das ist auch eine Falle, wenn man sich auf eine luftige, kreative, romantisierende Künstler-Position zurückzieht.

Seit Tocotronic dabei sind, hat sich die deutsche Musikszene stark verändert. Wie nehmen Sie das wahr?

Schwer zu sagen, man steckt sehr tief drin. Der Umgang mit deutscher Lyrik, deutschen Texten ist selbstverständlicher geworden – ein Allgemeinplatz. Man diskutiert, manches freut einen, manches ärgert einen. Aber man muss auch eine Distanz zu dem Geschehen haben, um auf Neues zu kommen. Wir haben uns oft schon gegen Bestrebungen positioniert, dass man darüber, dass Musiker Deutsch singen, ein nationales Bewusstsein und patriotische Gefühle schaffen will. Das ist immer noch unsere Meinung und man muss da wachsam bleiben.

Position bezieht die Band auch zu aktuellen politischen Themen: Die Flüchtlingshilfeorganisation Pro Asyl präsentiert die nächste Tour. Was steht dahinter?

Uns fiel es sehr früh als Problematik auf, dass Flüchtlinge unterwegs sind und sich Europa auf abscheuliche Weise abschottet und keinen menschlichen Weg findet, damit umzugehen. Es gibt Formen, wie man damit gut umgehen kann, dazu gehört, dass man mit Pro Asyl zusammenarbeitet.

Wenn es Anlässe gibt, mit denen man sich politisch engagieren kann, ohne gegenseitiges Vereinnahmen, dann machen wir es gerne. Weil es wichtig ist. Wir sind alle politische und politisch interessierte Menschen. Deswegen passiert es ohnehin.

Gibt es eigentlich eine Tocotronic-Zielgruppe?

Den Begriff Zielgruppe finde ich sehr verwirrend. Wir haben angefangen, indem wir uns gegenseitig unsere eigenen Insiderwitze erzählt haben und waren überrascht, dass es andere nachvollziehen können. So ist es immer noch. Das ist ein großes Glück. Aber damit es funktioniert, darf man sich nicht so viel damit beschäftigen. Ich mag es gerne, dass unser Publikum gemischt ist. Es ist schön zu hören, wer welche Lieblingsplatten hat, welche unterschiedlichen Zeiten es gibt, die Leuten etwas bedeutet haben. Wenn Eltern mit ihren Kindern kommen und beide was damit anfangen können, ist das sehr rührend und lustig.

Bleibt in der bei so viel Band eigentlich Zeit für Soloprojekte, wie es sie von Ihnen und anderen Mitgliedern schon gab?

Das ist eine Frage, wie Zeit ist, was im Lebensrhytmhus passiert.  Aber ich mache ständig für mich Musik, weil es schön ist als Ausgleich oder als Erweiterung dessen, was man mit den anderen drei macht.

Das Konzert in Dortmund ist am 15. Oktober (Donnerstag), 20 Uhr, FZW, Ritterstraße 20. Tickets gibt's hier' type='' href='http://www.ruhrnachrichten.de/leben-und-erleben/unterhaltung/service/ticketshop/.

Tocotronic sind Dirk von Lowtzow (Gitarre, Gesang), Jan Müller (Bass), Rick McPhail (Gitarre) und Arne Zank Schlagzeug. Aktuelles Album: "Das Rote Album"

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