Todgeweihte leben länger

Mortimer weiß, dass er mit 36 Jahren sterben muss. Wie alle Männer seiner Familie. Als der Fluch ihn verschont, gerät er prompt in ein Dilemma.

Berlin (dpa)

von Von Sibylle Peine, dpa

, 21.07.2015, 13:49 Uhr / Lesedauer: 2 min

Auf den letzten Tag seines Lebens hat sich Mortimer gut vorbereitet. Der Mietvertrag ist gekündigt, die Wohnung ordentlich geputzt, der Müll entsorgt, Gas und Strom sind abgeschaltet. Um den Abschied würdevoll zu gestalten, hat er sich sogar einen Traueranzug mit passendem Hemd und Schuhen gekauft. So gekleidet liegt er nun entspannt auf der Couch und wartet - auf seinen Tod. Denn er weiß ganz genau, dass er an diesem Tag, seinem 36. Geburtstag, um 11.00 Uhr sterben wird.

Schließlich sind alle Männer in seiner Familie an ihrem 36. Geburtstag um 11.00 Uhr vormittags gestorben - ohne Ausnahme. Doch bei ihm passiert nichts. Die Minuten verstreichen und er lebt weiter. Was um Himmels Willen soll er nun bloß mit diesem nicht geplanten Rest seines Lebens anfangen? Er hat nur gelernt, mit dem Tod umzugehen, nicht aber mit dem Leben.

Marie-Sabine Roger (57) schreibt wundervolle Komödien, die deshalb so zu Herzen gehen, weil sie immer auch einen ernsten Hintergrund haben. In ihrem Bestseller «Das Labyrinth der Wörter», der mit Gérard Depardieu erfolgreich verfilmt wurde, geht es um die unorthodoxe Freundschaft zwischen einem ungeschliffenen Arbeiter und einer belesenen alten Dame. In «Das Leben ist ein listiger Kater» entdeckt ein griesgrämiger Einzelgänger nach einem Unfall, wie heilsam doch menschliche Kontakte sind. Mitmenschlichkeit, Offenheit und die unbedingte Neugier auf das Leben sind auch die zentralen Themen in «Heute beginnt der Rest des Lebens», dem neuen Buch der französischen Autorin.

Ein böser Familienfluch liegt wie Mehltau auf Mortimers Leben. Er hat das Schicksal seiner Vorfahren im Detail studiert und ihm schwant nichts Gutes. Allein sein Nachname Decime, abgeleitet von von décimé - dezimiert - , ist schon unheilverkündend genug. Tatsächlich wurden alle männlichen Familienmitglieder an ihrem 36. Geburtstag von einem grausamen Geschick dahingerafft: Der Ururgroßvater Morvan ertrank in einem Bidet, Urgroßvater Morin zerfetzte eine selbstgezündete Handgranate, Großvater Maurice wurde von einem Blitz gegrillt und Vater Maurin erlag beim Ballonaufblasen einem Herzschlag.

Kein Wunder, dass Mortimer keinen besonderen Ehrgeiz an den Tag legt. Es ist ja sowie so alles sinnlos: «Angesichts meiner geringen Lebenserwartung und meines Mangels an Begabungen sah ich keinen rechten Sinn darin, mich unter den anderen Friedhofsbewohnern mit einer besonders guten Ausbildung hervorzutun.» So nimmt er einen geradezu kafkaesk erscheinenden Bürojob in der «Abteilung für Präventive Verwaltung zufälliger Unfälle» an. Da er keine Lust hat, den ganzen Tag Bleistifte zu spitzen oder auf Aktenordner zu starren, glänzt er meist durch Abwesenheit, was aber niemanden zu stören scheint.

Farbe in sein ödes Dasein bringen allein die beiden Freunde Paquita und Nassardine, die einen florierenden Crêpe-Stand um die Ecke betreiben. Das ebenso sinnenfreudige wie charakterstarke Paar zeigt Mortimer, wie man zu leben versteht. Und dann taucht da plötzlich noch Jasmine auf, eine junge Frau, die als Hundefriseuse ihr Geld verdient und zudem die verrücktesten Hüte entwirft. Das Leben betrachtet sie als kreative Herausforderung. Mortimer fühlt sich auf magische Weise zu ihr hingezogen. Doch darf ein Todgeweihter an die Zukunft denken? Resigniert lässt er sie nach New York ziehen.

Rogers charmanter Roman ist eine Hymne auf das Leben. Mit Witz, Ironie und zärtlichem Blick auf ihren liebenswerten Protagonisten vermittelt er eine klare Botschaft: Wir alle sind Mortimer. Selbst wenn wir von keinem bösen Familienfluch bedroht sind, so sind wir doch todgeweiht. Trotzdem dürfen wir nicht aufhören, unser Leben zu genießen.

Marie-Sabine Roger: Heute beginnt der Rest des Lebens, Atlantik Verlag, Hamburg, 256 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-455-60020-9

Heute beginnt der Rest des Lebens