Tödliche Panne: Musste 38-jährige Frau in Hagen wegen Behörden-Schlamperei sterben?

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Am 15. Juni wird in Hagen die Leiche einer 38-jährigen Frau entdeckt. Sie ist mit zahlreichen Messerstichen bestialisch getötet worden. Musste sie sterben, weil Behörden versagt haben?

Hagen

, 09.07.2020, 10:07 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der Fall ist brisant. Unter dringendem Tatverdacht steht nämlich der Ex-Lebensgefährte der Frau, der sein Alter mit 24 Jahren angibt. Dieser Mann hätte eigentlich zum Zeitpunkt der Tat in Deutschland oder Serbien hinter Gittern sitzen müssen, war aber wenige Tage zuvor aus dem Gefängnis entlassen worden. Nur deshalb konnte er mutmaßlich diese Tat begehen. Die Chronologie einer tödlichen Panne.

Dass es sich um einen überaus heiklen Fall handelt, bei dem auch diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und Serbien nicht ausgeschlossen sind, zeigt allein die Tatsache, wer überhaupt bereit ist, Fragen zu beantworten.

Unsere Redaktion hatte einen Fragenkatalog an die involvierten Behörden in Hagen (Polizei, Amtsgericht, Landgericht, Staatsanwaltschaft), das Oberlandesgericht Hamm und die Generalstaatsanwaltschaft Hamm geschickt. Die Fragen beantwortet hat aber nur Dr. Tino Seesko, Leitender Oberstaatsanwalt in der Generalstaatsanwaltschaft Hamm – allerdings, wie er ausdrücklich mitteilt, „im Einvernehmen“ mit den übrigen Behörden. Ganz offenbar legen die deutschen Behörden in diesem Fall besonderen Wert darauf, mit einer Stimme zu sprechen.

Aus den Darstellungen der Generalstaatsanwaltschaft Hamm, ergänzt um frühere Mitteilungen der Staatsanwaltschaft Hagen und der Polizei, ergibt sich daher folgender Ablauf der Dinge:

Am 6. November 2018 wird der heute Tatverdächtige G. von einem serbischen Gericht wegen zweifachen Menschenhandels zu einer Freiheitsstrafe von 12 Jahren verurteilt.

Am 12. April 2019 bittet Serbien Interpol um Hilfe bei der Festnahme des gesuchten G.. In Deutschland verläuft die Fahndung trotz, so Tino Seesko, „unverzüglich veranlasster Maßnahmen“ zunächst erfolglos.

Ein Jahr später, am 24. April 2020, wird G. in Hagen festgenommen. Dieses Datum ist entscheidend, denn: Ab jetzt läuft eine Frist von 40 Tagen. Liegen in dieser Zeit die Auslieferungsdokumente nicht vor, muss der Festgenommene nach deutschem Recht wieder freigelassen werden. G. gibt bei seiner Festnahme an, 24 Jahre alt zu sein. Ob das stimmt, ist unsicher, denn: Laut Generalstaatsanwaltschaft benutzt G. verschiedene „Alias-Personalien“.

Noch am gleichen Tag, also am 24. April 2020, so Seesko, habe die Polizei die serbischen Behörden über die Festnahme von G. informiert und gebeten, „die Auslieferungsunterlagen direkt an die zuständige deutsche Justizbehörde zu übermitteln“, also an die Generalstaatsanwaltschaft beziehungsweise das Oberlandesgericht Hamm.

Drei Tage später, am 27. April 2020, hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamm nach eigenen Angaben das Bundeskriminalamt (BKA) gebeten, die serbischen Behörden über die Festnahme zu informieren und sie wegen der 40-Tages-Frist um die zeitnahe Übermittlung der Auslieferungsunterlagen „auf dem förmlichen Geschäftsweg“ zu bitten.

Wieder drei Tage später, am 30. April 2020, habe, so Seesko, die Generalstaatsanwaltschaft „auf dem förmlichen Geschäftsweg die wegen der 40-Tages-Frist mit der Bitte um zeitnahe Vorlage der Auslieferungsunterlagen verbundene Unterrichtung der serbischen Behörden von der Festnahme veranlasst“. Ins Deutsche übersetzt heißt das: Der Generalstaatsanwalt hat den Serben mitgeteilt: Wir haben G. festgenommen, schickt uns die Unterlagen, aber flott!

Am 5. Mai erlässt das Oberlandesgericht Hamm einen vorläufigen Auslieferungshaftbefehl gegen G.

Bei der Festnahme wurde der tatverdächtige G. leicht verletzt und anschließend gefesselt mit einem Krankenwagen abtransportiert.

Bei der Festnahme wurde der tatverdächtige G. leicht verletzt und anschließend gefesselt mit einem Krankenwagen abtransportiert. © Alex Talash

Am 8. Mai hat die Generalstaatsanwaltschaft Hamm laut Seesko die serbischen Behörden über das BKA darauf hingewiesen, dass die 40-Tages-Frist am 2. Juni 2020 abläuft.

Am 11. Mai habe sich auch das deutsche Außenministerium in Berlin in den Fall eingeschaltet, so Seesko. Mit einer „Verbalnote“ habe das Auswärtige Amt der Botschaft der Republik Serbien mitgeteilt, dass die deutschen Behörden um eine fristgerechte Übermittlung der Unterlagen bitten.

Ab dem 26. Mai 2020 habe die Generalstaatsanwaltschaft Hamm mit Blick auf den Ablauf der 40-Tages-Frist „mehrfach telefonisch und per E-Mail“ mit dem Bundesamt für Justiz in Kontakt gestanden, sagt der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft.

Am 2. Juni 2020 lässt das Oberlandesgericht Hamm G. frei, da die 40-Tages-Frist abgelaufen ist, ohne dass die benötigten Dokumente aus Serbien vollständig vorgelegen hätten. Sollte diese Darstellung bis zu diesem Punkt richtig sein, scheint es so, als hätten die deutschen Behörden bis zum 2. Juni alles in ihrer Macht Stehende getan, damit G. nicht wieder frei kommt. Inzwischen haben sich auch die serbischen Behörden zu dem Fall gemeldet.

Am 3. Juni 2020 liegen die fehlenden Dokumente aus Serbien vollständig vor. Die Generalstaatsanwaltschaft Hamm beantragt noch am selben Tag beim Oberlandesgericht Hamm einen neuen Auslieferungshaftbefehl. Und an diesem Punkt beginnen jetzt die Erklärungsnöte der deutschen Behörden, aus denen sie sich – in bestes Beamtendeutsch gekleidet – so zu winden versuchen: „Nach Fertigung der Reinschrift des Antrags der Generalstaatsanwaltschaft Hamm auf Erlass eines förmlichen Auslieferungshaftbefehls vom 3. 6. 2020 wurde die Antragsschrift nebst der zugehörigen Auslieferungsakte dem zuständigen Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm übersandt.“

Wie lange das „Anfertigen einer Reinschrift“ – was ein wenig wie aus einer Bürokratie-Komödie aus den 1950er-Jahren klingt – gedauert hat und wann genau der Antrag auf den Dienstweg geschickt wurde, teilt Tino Seesko nicht mit.

Es dauert jedenfalls sechs ganze Tage, ehe das Oberlandesgericht Hamm am 9. Juni 2020 einen neuen Auslieferungshaftbefehl gegen G. erlässt. Dies sei geschehen, so Seesko, „nach Eingang dort sowie Prüfung und Beratung des Antrags“. Wie lange Eingang, Prüfung und Beratung jeweils gedauert haben, sagt Seesko nicht. Damit bleibt unklar, welcher Teil dieser sechs Tage auf die Kappe der Generalstaatsanwaltschaft und welcher Teil auf das Konto des Oberlandesgerichts geht.

Irgendwann zwischen dem 8. und 10. Juni 2020 wird die 38-jährige Frau in ihrer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in der Hördenstraße in Hagen getötet. Offenbar war es nach der zerbrochenen Beziehung der beiden zum Streit gekommen. Genaueres zum Motiv ist noch nicht bekannt. Die Frau wird jedenfalls mit zahlreichen Messerstichen erstochen.

Zum Zeitpunkt der Tat, so teilt die Polizei später mit, befindet sich die dreieinhalbjährige Tochter der Frau ebenfalls in der Wohnung. Unter dringendem Tatverdacht steht von Anfang an der frühere Freund der Toten, G.. Er hat das kleine Mädchen, das nicht seine Tochter ist, in seine Obhut genommen und ist verschwunden.

Am 12. Juni schickt die Generalstaatsanwaltschaft Hamm per Fax den Haftbefehl, der bereits am 9. Juni vom Oberlandesgericht Hamm erlassen worden war, an das Polizeipräsidium Hagen mit der Bitte, den Gesuchten festzunehmen. Zwischen Erlass des Haftbefehls und der Bitte an die Polizei zur Festnahme, liegen wieder drei Tage. Ob es so lange gedauert hat, bis das Gericht den Haftbefehl an die Generalstaatsanwaltschaft geschickt hat oder ob der Haftbefehl dort erst mit Verzögerung an die Polizei weitergeleitet wurde, bleibt offen.

Drei Tage, nachdem bei der Polizei Hagen die Bitte um Festnahme von G. eingegangen ist, öffnen am 15. Juni, einem Montag, Polizisten gegen 11 Uhr die Wohnungstür in der Hördenstraße in Hagen, um G. festzunehmen. Ihn finden sie nicht, stattdessen die Leiche der 38-jährigen Ex-Partnerin von G..

Am 16. Juni gegen 20.50 Uhr nimmt ein Spezialeinsatzkommando der Polizei den gesuchten G. in einer Wohnung in Iserlohn fest. Das dreieinhalbjährige Mädchen ist bei ihm. Es ist unversehrt und wird seither vom Jugendamt betreut.

Am 17. Juni erlässt eine Richterin Untersuchungshaft gegen G.

Die Chronologie zeigt, dass sich bis zur Freilassung von G. am 2. Juni vor allem die serbischen Behörden bohrende Fragen gefallen lassen müssen. Für die Zeit danach müssen sich die deutschen Behörden die Frage gefallen lassen, warum zwischen den einzelnen Schritten so viel Zeit verstrichen ist, denn: Am 3. Juni lagen die Dokumente für einen neuen Haftbefehl gegen G. in ihren Händen. Die Frau starb frühestens am 8. Juni. Es wären noch mindestens fünf Tage Zeit gewesen, um G. wieder einzufangen und so das Leben der 38-Jährigen zu retten. Diese fünf Tage reichten nicht.

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