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Tommy Finke über den ESC und Lennons Daumen

Das Interview

Tommy Finke ist Musiker, künstlerischer Leiter, Filmmusikkomponist und Labelchef: Kein Wunder, dass es nicht ganz so leicht war, überhaupt einen Termin mit dem Bochumer Barden zu bekommen. In der Wiege des Bermudadreiecks, dem Mandragora, erzählte der 34-Jährige im Gespräch mit Sabine Bode dann aber ganz entspannt von Volksliedern, Schrammelgitarren und John Lennons kleinem Finger.

BOCHUM

von Sabine Bode

, 19.01.2016
Tommy Finke über den ESC und Lennons Daumen

Der gebürtige Bochumer Tommy Finke

Wie kommt ein Songwriterjunge dazu, Musikalischer Leiter des Dortmunder Schauspielhauses zu werden? Tommy Finke: Ich habe dort 2013 schon ein Stück gemacht – man brauchte dort jemanden, der sich mit Elektronik und Samples auskennt. Und jetzt darf ich jeden Tag hier sein: Ich sitz‘ im meinem eigenen Büro und darf den ganzen Tag interessante Musik machen – was will ich mehr?

Im Gegensatz zu Ihren Solo-Sachen sind Sie hier „nur“ ein Teil des Ganzen. Wird die Arbeit des Komponisten überhaupt genug gewürdigt? Finke: Die Musik taucht in den Theaterkritiken ja meist gar nicht auf. Aber wenn mir der Regisseur hinterher sagt, super, die Musik bringt das Stück nach vorne, dann reicht mir das. Darüber hinaus mache ich übrigens auch gerade die Filmmusik für „Junges Licht“, den neuen Film von Adolf Winkelmann. Eine Romanverfilmung nach Ralf Rothmann über eine Jugend im Ruhrgebiet.

Wie ist denn die Zusammenarbeit entstanden? Finke: Er hatte einen Auftritt von mir in Dortmund gesehen. Kurz darauf rief sein Büro an, man schickte mir ein paar Szenen und ich machte was dazu. Dann rief Winkelmann bei mir an und sagte: „Hör mal zu, das klingt zu professionell. Mach doch noch mal sowas wie neulich auf der Bühne!“ Also habe ich nachts mit Gitarre, Mundharmonika und Diktiergerät Songs eingespielt. Das war die Grundlage. Es ist eine tolle Erfahrung und es wird ein wunderschöne Film – mit viel Sechziger-Beatmusik, aber auch Elektronik.

Als Tommy Finke geben Sie den Songwriter von nebenan, als T.D. Finck von Finckenstein den experimentellen Sound-Tüftler. Wie geht das zusammen? Finke: Als Kind habe ich Keyboard gespielt und mich sehr für elektronische Sachen interessiert. Als ich 17 war, starb mein Vater an Krebs. Das Letzte, was er mir geschenkt hat, war seine Gitarre, und die war mein ein und alles. So habe ich wieder zur akustischen Musik gefunden. Und auf einmal hatte ich eine Sprache gefunden. Ich wollte im Kulturcafé an der Bochumer Uni auftreten, das durften aber nur Studenten. Also habe ich mich für Sozialwissenschaften eingeschrieben.

Nach vier Semsestern haben Sie dann umgesattelt, auf Elektronische Komposition an der Folkwang-Uni in Essen. Finke: Ja, da brauchte man nicht unbedingt Noten lesen können. Ich habe dort sehr viel gelernt über sehr abgefahrenes Zeug. Das hat mich sehr geprägt.

Und jetzt sorgen Sie auch noch mit „The Mundorgel Project“ im Theater Dortmund dafür, dass deutsches Liedgut wieder cool wird! Finke: Wir wollten mal was machen, was die Leute miteinbezieht. Die Mundorgel hat sowas Religiöses und Kitschiges, da denkt man an Klassen- und Kirchenausflüge. Wir wollten die Musik demokratisieren und den Leuten zeigen: Hey, es ist in Ordnung, „Nehmt Abschied, Brüder“ zu singen und sich gut dabei zu fühlen!

Wenn man sich den ganzen Tag schon damit beschäftigt, hört man da in seiner Freizeit überhaupt noch Musik? Finke: Zu Hause wenig, im Auto viel. Alles Sachen, die ganz anders sind als die Dinge, an denen ich gerade arbeite. Etwa die Oper „Der Freischütz“. Dann und wann werfe ich aber auch eine alte Platte ein, wie „Without You I’m Nothing“ von Placebo. Wunderbare Platte und extrem gut gemixt, mit bretternden E-Gitarren, die aber nicht nerven.

Brian Molko hat ja mal gefordert: „Never take guitar lessons!“ Finke: Ja, absolut. In der Musik erkennt man oft gar nicht, ob einer Profi oder Laie ist – wenn das Feuer stimmt. John Lennon war ein furchtbarer Pianist. Sein kleiner Finger bei „Imagine“ hat immer die Nebentaste mit angeschlagen. Aber genau das führt zu einem speziellen Sound.

Auch wenn Schubladen doof sind: Wo in der großen bunten Popwelt würden Sie sich einordnen? Finke: Ich bin wohl so eine Art Vermenschlichung des Ruhrgebiets. Wir sind ja durch den Strukturwandel sehr undefiniert. Darüber gibt’s auch ein Stück auf meinem neuen Album (Arbeitstitel: „Ein Herz für Anarchie“, Anm. d. Red.), das heißt auch „Strukturwandel“. Im Moment behandle ich das Album aber eher stiefmütterlich. Aber ich bin ja nicht im Zeitdruck: Ich bin mein eigener Chef. Ich will ja auch keine Revolution starten.

Naja, aber der Name Ihres Labels, „Retter des Rock Records“, klingt ja schon sehr revolutionär... Finke: Ja, weil ich Alliterationen mag. Ich will aber nicht das Gefühl, dass die Leute mir untertan sind, sondern will einfach verstanden werden. Letztlich geht es doch darum, hinter seinem eigenen Werk zu verschwinden. Und das kann ich besser als Theater- und Filmkomponist als als Tommy Finke.

Unsere Musikwelt will aber DEN Song als Markenzeichen für DEN Künstler. Das haben wir ja an den Diskussionen um Xavier Naidoo gesehen. Finke: Genau darum geht es: Musik ist nicht diskutabel, sondern einfach Geschmackssache. Im Prinzip gibt es keinen Unterschied zwischen Bob Dylan und Xavier Naidoo, die Rezeption ist die gleiche. Das Prinzip von Ursache und Wirkung ist das, was die Musik religiös erscheinen lässt. Daher auch die heftige Debatte: Es wurde diskutiert, als ginge es um Religion. Man möchte einfach nicht, dass eine Sache, für die man sich begeistert, im Kern böse ist.

Ganz ehrlich, wenn der NDR anriefe: Würden Sie zum ESC fahren? Finke: Ja, weil ich den ESC seit Jahren verfolge. Aber nicht als Interpret von anderer Leute Musik, sondern nur mit meinem eigenen Song. Ich mag die Projektion auf einen Künstler nicht, der etwas singt, das er selbst nicht geschrieben und gefühlt hat. Das ist unfair dem Urheber gegenüber.

Sie sind Beatles-Fan und mit Oasis groß geworden. Gab es einen Moment, an dem es „klick“ gemacht, nach dem Motto: „Das will ich machen und nichts anderes!“? Finke: Das ist schwierig, weil ich eher Künstler bin als Musiker. Wenn ich keine Musik machen würde, würde ich schreiben oder malen. Wenn ich mal esoterisch werden darf: Musik ist doch das letzte Magische, was wir haben. Wir können auf vielen Ebenen viele Dinge beschreiben. Aber Musik greift immer wieder an Stellen, wo wir’s nicht erwarten. Wir haben nicht die Methoden, das zu erklären – noch nicht.

Dieses Interview ist zuerst erschienen im Coolibri (Ausgabe 1/16) und bei

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