„Toni Erdmann“ ist ein sensibles Vater-Tochter-Porträt

Im Kino

"Für mich ist es keine Komödie, es ist ein Film über die Kraft des Humors", sagt Schauspielerin Sandra Hüller auf dem roten Teppich der Lichtburg. Die Rede ist von Maren Ades "Toni Erdmann", in Cannes gelobt, aber nicht prämiert, auf der Essener Deutschland-Premiere stürmisch gefeiert.

ESSEN

, 06.07.2016, 15:13 Uhr / Lesedauer: 1 min

Völlig zu Recht. Auch in ihrem dritten Spielfilm beweist Maren Ade ("Alle Anderen") stupendes Gespür für psychologische Verwerfungen zwischen ihren Figuren, hier zwischen Vater (Peter Simonischek) und Tochter (Sandra Hüller). Ade balanciert auf dem Grat zwischen Melodram und Humoreske, ohne sich je im Ton zu vergreifen.

"Toni Erdmann" ist ein Film, in dem Traurigkeit und Lachen eine wundersame Allianz eingehen. Eben noch ist man gerührt ob der latenten Depression der von Hüller gespielten Ines, dann naht der Filou von Vater und beschert uns ein freudiges Glucksen. Ades Thema sind Menschen und ihre Beziehungen, dafür braucht es exzellente Darsteller wie Hüller und Simonischek.

Köstliche Situationskomik

Papa Winfried ist besorgt, als er seine Tochter trifft, die als Unternehmensberaterin arbeitet. Kennt das Kind nur Termine und Meetings? Der Vater reist nach Bukarest, wo Ines ein Projekt der Ölbranche betreut. Ines fällt aus allen Wolken, wie der Alte sich an Manager und Kollegen heran "wanzt". Peinlich - er trägt eine bescheuerte Perücke, falsche Hasenzähne, nennt sich Toni Erdmann, Motivations-Coach für den Jetset.

Papa war immer schon ein Clown, das geht zu weit, findet Ines. Widerwillig lässt sie sich auf die Maskerade ein, mal sehen, wer hier wen brüskiert. Köstliche Situationskomik: "Toni" übt sich im Business-Jargon, will Ines den Spiegel vorhalten, wie trist das Manager-Dasein ist: Heute schon gelacht?

Herzergreifend und klug

Im Subtext handelt der Film vom Kapitalismus, der Rumänien in profitable Häppchen zerlegt, von der Selbstoptimierung moderner Arbeitssklaven, von der Fratze der Globalisierung, aufgehängt an einem Vater-Tochter-Porträt. Menschenkino und mehr - herzergreifend, vielschichtig und sehr, sehr klug.

 

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