Tristan und Isoldes trostlose Liebe

Oper Dortmund

In so einer brutalen Welt, in die der Dortmunder Opernintendant Jens-Daniel Herzog Wagners Liebespaar Tristan und Isolde am Sonntagabend in der Saisoneröffnung der Dortmunder Oper geschubst hat, möchte man nicht leben. Und sich noch nicht mal verlieben.

DORTMUND

, 07.09.2015 / Lesedauer: 3 min
Tristan und Isoldes trostlose Liebe

Der Liebestrank aus der Thermoskanne am Bürotisch. Sehr romantisch ist die Liebe für Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes) nicht.

Da herrscht militärische Disziplin, die Menschen sind mit Uniformen gepanzert gegen Gefühle. Lust empfinden sie nur beim Dauerrauchen. Und dann, wenn sie versehentlich den Liebetrank trinken.

Auf der viel rotierenden Drehbühne (Mathis Neidhardt) setzt Herzog die reale Militärwelt einer Welt der Visionen und Träume auf der Vorderbühne gegenüber. Besonders deutlich (aber auch kompliziert) wird das im dritten Akt, wenn die reale, trist-graue Welt, in der selbst der harmlose Hirt ein Sadist ist, innen mit schmucklosen Büros vorbeizieht und Tristan und sein blind geprügelter, blutüberströmter Begleiter Kurwenal (starke schauspielerische und sängerische Leistung von Sangmin Lee) außen Visionen von einem besseren Leben haben.

Romantik fehlt

Isolde und Brangäne kommen zusammen mit vielen Statisten als Flüchtlinge in diese Welt der stasiähnlichen Diktatur. Ein richtiges Schiff ist es nicht, auf dem sich die Damen aus Irland durch Passkontrollen kämpfen. Immerhin steht da am Schluss in gälischer Sprache "Willkommen, unsere Königin".

Etwas unsexy wirken die hochromantischen Liebesszenen, knistern vor Erotik tut da nichts: Den Liebestrank nehmen Tristan und Isolde aus einer Thermoskanne am Bürotischchen, von der herniedersinkenden Nacht der Liebe träumen sie auf dem Büroflur, und Tristan stirbt den Liebestod auf dem Sarg, den das Militär dafür vorausschauend bereitgestellt hat.

In ein Korsett gezwängt

Für die wie immer bei Herzog sehr aktionsreiche Regie, die vor allem im schlüssigeren und profilschärferen zweiten und dritten Akt differenziert die Figuren durchleuchtet, dabei aber in ein Korsett zwängt, gab's vom Premierenpublikum Buhs, für die Sänger Riesenapplaus. Der Dortmunder Tristan kann sich hören lassen.

Lance Ryan, in Bayreuth zuletzt am Siegfried gescheitert, steigert sich als Tristan von Akt zu Akt. Der Tenor zieht die Töne stets ein wenig auf Intonationstemperatur, singt den zweiten Akt lyrischer als es seine Militäruniform vermuten lassen würde, ist aber im dritten Akt auch stimmlich ein Held, der entschlossen von der besseren Welt träumt.

Rollendebüt als Isolde

Noch großartiger ist Allison Oakes als Isolde, die Bayreuther Gutrune, in ihrem Rollendebüt als Isolde. Vor allem im zweiten Akt bekommt ihr schlanker, aber starker Sopran ein rundes Profil. Im ersten Akt klang ihr Sopran - wie auch der sehr hohe Mezzo von Martina Dike als Brangäne noch etwas scharf.

Eine konstant souveräne Leistung präsentierte Karl-Heinz Lehner als König Marke, der auch seine Bestürzung über den Verrat seines Ziehsohnes Tristan stimmlich bebend sehr schön hörbar macht. Mit Lucian Krasznec als junger Seemann und Hirt sind auch die kleinen Rollen edel besetzt; Gerardo Garciacano ist der prügelnde Melot.

Flotte Tempi

In flotten Tempi führte Generalmusikdirektor Gabriel Feltz die Wagner-erfahrenen Dortmunder Philharmoniker differenziert durch das Werk. Mit einem 20-Minuten-Strich in der Tag-Nacht-Szene zu Beginn des zweiten Aktes blieb die Spieldauer unter vier Stunden.

Termine: 20. 9., 3.10., 22.11., 17. 1., 17. 4., 29. 5.; Karten: Tel. (0231) 5027222.