Tschechows Figuren sind Meister im Verdrängen

Schauspielhaus Bochum

Tamás Ascher hat international einen Ruf als Tschechow-Experte. Zum Saisonauftakt im Schauspielhaus Bochum war man deshalb gespannt auf seine Inszenierung des "Kirschgartens".

BOCHUM

, 06.09.2015 / Lesedauer: 2 min
Tschechows Figuren sind Meister im Verdrängen

Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Bettina Engelhardt) und ihr Bruder Gajew (Martin Horn) im Bochumer „Kirschgarten“.

Schon der erste Blick auf die Bühne, ein maroder Salon längst vergangener Tage, zeigt, dass der Ungar keine Modernisierung im Sinn hat. Ganz konventionell erzählt er die Geschichte der Menschen, die zwischen Gestern und Morgen in Untätigkeit und Entschlusslosigkeit verharren.

Doch ist uns dieser Tschechow, wie Ascher ihn zeigt, nicht fremd. Wie Gutsbesitzerin Ranjewskaja und ihr Bruder Gajew verdrängen, dass sie wegen ihrer Schulden den Kirschgarten verlieren werden, wie sie an alten Erinnerungen und alten Werten festhalten, das ist über die 100 Jahre hinweg gültig.

Gutes Ensemble

Achtung Komödie, scheint der Regisseur zu sagen, wenn gleich in der ersten Minute Roland Riebeling als Kaufmann Lopachin mit dem Kopf gegen eine Lampe stolpert und viel hin und her gerannt wird. In der Tat hat der russische Schriftsteller den "Kirschgarten" als eine Komödie betrachtet.

Doch dieser Humor bleibt im Bochumer Schauspielhaus nach dem Anfang verhalten, weil Ascher jeder der Figuren Raum und auch Tiefe und Tragik zugesteht. Das gelingt dank der Schauspieler, die bis zu den Nebenrollen nicht an der Oberfläche bleiben, sondern Charaktere zeigen.

Bettina Engelhardt spielt die Gutsbesitzerin als kapriziöse Frau, die sorglos mit dem eigentlich nicht vorhandenen Geld umgeht, andererseits auch trauern kann um den Ort, der ihre Kindheitserinnerungen birgt. Riebelings Lopachin ist Realist. Und reich dazu. Er kauft am Ende Gut und Garten. Und doch kann er seine Herkunft als Sohn eines Leibeigenen nicht abschütteln.

Feiner Humor

Für feinen Humor, den es dann doch immer mal wieder gibt, sorgen Jürgen Hartmanns Gutsbesitzer Simeonow-Pischtschik, Marco Massafras Buchhalter Jepichodow, der sein Schicksal als Pechvogel angenommen hat, und Heiner Stadelmann als greiser Diener.

Und den braucht es, fordert die dreistündige Inszenierung doch Konzentration, um auch über die Längen des Abends hinweg zu helfen. Tschechows Stücke haben es beim Bochumer Publikum traditionell schwer. Ob "Der Kirschgarten" ein Publikumsrenner wird, darf auch diesmal angezweifelt werden.

Termine: 13./19./27.9., 14./25.10., Karten: Tel. (0234) 33335555.