Turnen mit einer Leiche

Pirandellos "Verbrechen"

Es ist vor allem das furiose Finale von Roberto Ciullis neuer Pirandello-Inszenierung am Theater an der Ruhr, das im Gedächtnis haftet. Nachdem der scheinbar unvermeidliche Mord geschehen ist, muss der Tote turnen.

MÜHLHEIM

von Von Klaus Stübler

, 24.11.2011, 14:50 Uhr / Lesedauer: 1 min
Turnen mit einer Leiche

Giorgio (Fabio Menendez, l.) lässt seinen Freund (Steffen Reuber) hängen.

Der Todesschütze schleppt die Leiche durch die Turnhalle und setzt ihn nicht nur auf den Bock, sondern lässt ihn auch am Barren schaukeln - immer zur Stelle, wenn die Leiche zu fallen droht.

"Man weiß nicht wie" heißt das Stück von Luigi Pirandello im Original, Ciulli nennt es "Verbrechen". Der ursprüngliche Titel ist treffender, denn die eigentliche Straftat hat schon im Vorfeld stattgefunden und wird im Stück nur andeutungsweise verhandelt.Triebe, Schuld und die Macht des Unbewussten Und dabei geht es um unbeherrschte Triebe, Schuldkomplexe und um die Macht des Unbewussten. Der am Schluss erschossene Romeo "weiß nicht wie" es passieren konnte, dass er - ohne es bewusst zu wollen - mit der Frau seines besten Freundes geschlafen hat. Schwere Selbstvorwürfe über das "schuldlose Verbrechen" sind die Folge. Nach außen dringen nur Andeutungen. Und verdächtigt werden andere.

Roberto Ciulli zeigt das 1934 entstandene Drama im historischen Kontext des italienischen Faschismus. Die Übertragung einer Mussolini-Rede tönt herein, Wagner-Musik erklingt. Besonders aussagekräftig ist die Verlegung der Handlung in die Turnhalle als einen, so Ciulli, "typischen Ort faschistischer Körperkultur" (Bühne: Gralf-Edzard Habben).Fabio Menendez spielt die betrogene Bestie Steffen Reuber als Romeo ist darin ein verstörter Fremdling, der die Sportgeräte neugierig betrachtet, sich aber zu Lebzeiten an keines herantraut. Ganz anders sein Freund Giorgio, der betrogene Marineoffizier auf Heimaturlaub. Fabio Menendez spielt ihn als eine athletische Bestie, als haarigen Affen, der seine animalischen Triebe durch Geräteturnen bändigt. Neben dieser großen Schauspielkunst haben es die Frauen (tänzerisch: Petra von der Beek, geziert-unnahbar: Simone Thoma) schwer. Ein großartiger Triumph des Theaterzauberers Roberto Ciulli und seiner Crew.Termine: 2./10./ 26.12.; Karten: Tel. (0208) 5 99 01 88