Udo Bernhardt war der letzte Bergmann Dortmunds

Ende von 700 Jahren Bergbaugeschichte

Mit der Schicht von Udo Bernhardt vor 30 Jahren endeten rund 700 Jahre Bergbaugeschichte in Dortmund. Am 31. März 1987 schloss die Zeche Minister Stein - und Bernhardt war der letzte Bergmann, der aus dem Förderkorb stieg. Mit dem Empfang, der ihn über Tage erwartete, hatte er nicht gerechnet. Für uns erinnert er sich an den historischen Tag.

EVING

, 29.03.2017, 14:20 Uhr / Lesedauer: 3 min
Udo Bernhardt heute – mit einem Erinnerungsfoto an den 31. März 1987 (oben).

Udo Bernhardt heute – mit einem Erinnerungsfoto an den 31. März 1987 (oben).

Ganz Eving schien auf den Beinen zu sein, damals, heute vor 30 Jahren. Auf der Hängebank - dort, wo die Bergleute der Zeche Minister Stein aus dem Förderkorb ausstiegen - herrschte dichtes Gedränge. Über die Kumpel der letzten Förderschicht erging ein wahres Blitzlichtgewitter. Besonders über Udo Bernhardt, der als Letzter aus dem Korb kam.

„Dass ich da als Letzter raus kam, war reiner Zufall“, erinnert sich Udo Bernhardt, der am morgigen 1. April 76 Jahre alt wird. Der Aufsichtshauer wird damit zum Symbol für den letzten Dortmunder Bergmann und zum begehrten Fotoobjekt.

„Wir wussten nur, dass da oben etwas Besonderes los war“, erzählt Bernhardt von der denkwürdigen letzten Förderschicht. Wie viel los war, konnten die Kumpel aber nicht erahnen: Frauen, Kinder und Nachbarn bevölkerten die Hängebank unter dem Hammerkopfturm von Schacht 4.

Sie nutzten die seltene Gelegenheit, einen Blick in die Arbeitswelt ihrer Männer, Väter und Bekannten zu werfen. Und allen war bewusst, dass es ein historischer Tag war. Denn mit der letzten Förderschicht auf der Zeche Minister Stein gingen gut 700 Jahre Bergbau-Geschichte in Dortmund zu Ende.

Eine Mischung aus Trauer- und Feststimmung

Und so herrschte auf der Hängebank eine Mischung aus Trauer- und Feststimmung, gemischt mit gespannter Erwartung. Als der Anschlag für den aus 800 Metern Tiefe ankommenden Förderkorb ertönte, stimmte die Bergmann-Kapelle „Glück Auf, der Steiger kommt“ an.

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Minister Stein - Dortmunds letzte Zeche

Minister Stein war die letzte Zeche Dortmunds - bis 1987, als auch sie schloss.
29.03.2017
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Aufsichtshauer Udo Bernhardt war der letzte Bergmann, der den Förderkorb am letzten Fördertag der Zeche Minister Stein verließ.
Viele Evinger waren am letzten Fördertag vor Ort auf der Hängebank. © Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Der letzte Fördertag auf Minister Stein am 31. März 1987 war für Eving ein historischer Tag.© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Abschied von der Zeche Minister Stein.© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Abschied von der Zeche Minister Stein.© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Zur Zechengeschichte gehört auch ein schweres Bergwerksunglück im Jahr 1925, bei dem 136 Bergleute ums Leben kamen.
Die Zeche Minister Stein 1938. Sie galt damals als größte Zeche im Ruhrrevier.
Ein weiteres Symbol für das Aus der Zeche war die Sprengung des Fördergerüsts von Schacht 7 im Dezember 1988.© Foto Menne
In einem Streb der Zeche Minister Stein. © Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Viele prominente Politiker haben Minister Stein besucht, wie hier Arbeits- und Sozialminister Norbert Blüm (vorne 3.v.r.).© Foto: Oliver Schaper
Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Besuch auf Minister Stein.© Foto: Oliver Schaper
Bundeskanzler Willy Brandt besucht die Zeche 1973.© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Besuch auf Minister Stein© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Bundeskanzler Helmut Schmidt zu Besuch auf Minister Stein© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Bundeskanzler Willy Brandt zu Besuch auf Minister Stein© Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Auch Bundespräsident Karl Carstens (2.v.r.) und seine Frau Veronika waren Gäste auf Minister Stein. © Foto: Oliver Schaper/Sammlung Beuchel
Der denkmalgeschützte Hammerkopfturm und eine alte Seilscheibe erinnern in Eving an die Zechengeschichte. © Foto: Oliver Schaper
Der Gewerbepark und die neue Evinger Mitte rund um den Hammerkopfturm aus der Luft. © Oskar Neubauer
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Die Kumpel, die aus dem Förderkorb ausstiegen, mussten sich im Blitzlicht-Gewitter mühsam den Weg durch das Gedränge und die aufgestellten Loren mit der symbolischen letzten Kohle bahnen. Und Udo Bernhardt sollte als „letzter Bergmann“ immer wieder für die Fotografen und Kamerateams posieren. Ein bisschen Wehmut ist auch heute noch spürbar, wenn Udo Bernhardt über diesen besonderen Tag spricht.

Besonders der Abschied von den Kollegen fiel schwer. Man war auf dem „Pütt“ eine verschworene Gemeinschaft. „Mich kannten alle nur als ‚Udo, das Schwein’. So hatte ich mich einmal beim Materialabholen vorgestellt. Und dabei blieb es dann“, erzählt der Ex-Kumpel, der neun Jahre auf der Zeche Fürst Hardenberg und 20 Jahre auf Minister Stein im Streb gearbeitet hatte. „Da war über viele Jahre etwas zusammengewachsen. Und das wurde jetzt auseinandergerissen.“

Verlegt in den Norden

Immerhin 3000 Arbeitsplätze gingen mit dem Aus für Minister Stein in Eving verloren. Wobei natürlich kein Kumpel ins „Bergfreie“ fallen, also in die Arbeitslosigkeit entlassen werden sollte, wie es stets hieß. Einige blieben für eine gewisse Zeit noch im Stillstandsbetrieb auf Minister Stein, räumten die Strecken untertage und Werkstätten übertage aus und sicherten die Wasserhaltung. 480 gingen in den Ruhestand, zum Teil mit 50 Jahren. Der Großteil, gut 2500, wurden auf andere Bergwerke im nördlichen Ruhrgebiet verlegt.

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So ging es auch Udo Bernhardt. 14 Tage blieb er noch auf Minister Stein, wurde dann auf die Zeche General Blumenthal in Haltern verlegt. Vier Jahre blieb er noch dort, bevor auch er mit 50 Jahren in den Ruhestand gehen konnte. Ohne Groll. Man war darauf vorbereitet. „Die Arbeit war schwer, aber hat sich gelohnt“, stellt er fest.

Noch heute wohnt er mit seiner Frau in der selben 60-Quadratmeter-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Brechten. An die alten Zeiten auf der Zeche erinnern nur noch der Wandschmuck und die alten Fotos und Zeitungsausschnitte vom „letzten Bergmann“ der Stadt.

 

 

Eine kleine Chronik:

  • Im Jahr 1296 taucht mit Konrad aus Schüren der erste Bergmann in den Annalen der Stadt auf.
  • Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt der Tiefbau auf Dortmunds Zechen. Bis dahin wurde die Kohle-Ära durch viele Klein- und Kleinstzechen, meist mit Stollenbergbau, im Dortmunder Süden geprägt.
  • 1871 wird die „Gewerkschaft Minister Stein“ gegründet, 1875 in Eving die erste Steinkohle gefördert.
  • Am 11. Februar 1925 sterben in Eving 136 Bergleute bei einem der schwersten Grubenunglücke in der Geschichte des Ruhrbergbaus.
  • Anfang 1960 wird Minister Stein mit der Zeche Fürst Hardenberg im benachbarten Lindenhorst vereinigt.
  • Nach dem Aus für die Förderung auf Zeche Gneisenau in Derne im August 1985 ist Minister Stein das letzte Bergwerk der Stadt.
  • Im März 1986 wird die Stilllegung der Zeche Minister Stein zum 31.3.1987 beschlossen – nach 112 Jahren Förderung.

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