Über 230 Theologieprofessoren protestieren gegen Segnungsverbot für Homosexuelle

Protest

Vor einer Woche wollte der Vatikan ein Machtwort sprechen und verbot die Segnung homosexueller Paare. Die dadurch erhoffte „größere Einmütigkeit“ ist jedoch zumindest bei den deutschen Katholiken nicht eingetreten - im Gegenteil.

Münster

22.03.2021, 18:35 Uhr / Lesedauer: 2 min
Über 230 Theologieprofessoren protestieren gegen Segnungsverbot für Homosexuelle

Über 230 Theologieprofessoren protestieren gegen Segnungsverbot für Homosexuelle © picture alliance/dpa/AP

So etwas hat es in der katholischen Kirche lange nicht mehr gegeben: Mehr als 220 Theologieprofessoren und -professorinnen aus dem deutschen Sprachraum protestieren in einer am Montag veröffentlichten Stellungnahme gegen das vom Vatikan erlassene Segnungsverbot für homosexuelle Paare.

Die Erklärung der römischen Glaubenskongregation sei „von einem paternalistischen Gestus der Überlegenheit geprägt“ und diskriminiere homosexuelle Menschen und ihre Lebensentwürfe, kritisieren die Experten. „Von dieser Position distanzieren wir uns entschieden. Wir gehen demgegenüber davon aus, dass das Leben und Lieben gleichgeschlechtlicher Paare vor Gott nicht weniger wert sind als das Leben und Lieben eines jeden anderen Paares.“

Jetzt lesen

In vielen Gemeinden würden Priester, Diakone und andere Seelsorger und Seelsorgerinnen Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare anbieten. „Wir begrüßen diese würdigenden Praktiken ausdrücklich“, stellen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler klar.

Der Erklärung der Glaubenskongregation fehle es an theologischer Tiefe und argumentativer Stringenz. „Werden wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert und nicht rezipiert, wie es in dem Dokument der Fall ist, untergräbt das Lehramt seine eigene Autorität.“

233 Theologieprofessoren beteiligen sich

Die von einer Arbeitsgruppe der Universität Münster entworfene Stellungnahme war bis Montagnachmittag von 233 Theologieprofessoren unterzeichnet worden. Die römische Glaubenskongregation hatte am Montag vergangener Woche klargestellt, dass homosexuelle Paare nicht gesegnet werden dürften, da dies „objektiv“ nicht Gottes Wille sei.

Der konservative Bischof von Passau, Stefan Oster, hatte danach erklärt, er sei dankbar für die Klarstellung und verbinde damit „die Hoffnung, dass sie Orientierung gibt, die angenommen wird, und damit auch größere Einmütigkeit befördert“. Tatsächlich ist jedoch das Gegenteil eingetreten: Das Vorgehen des Vatikans hat in der katholischen Kirche in Deutschland einen Proteststurm entfacht.

Die Stellungnahme der Theologieprofessoren erinnert an die sogenannte Kölner Erklärung von 1989. In diesem Memorandum mit dem Titel „Wider die Entmündigung“ hatten ebenfalls mehr als 220 Theologieprofessorinnen und -Professoren die nach ihrer Meinung autoritäre Kirchenpolitik des damaligen Papstes Johannes Paul II. kritisiert. Zu den Unterzeichnern gehörten unter anderem Hans Küng, Johannes Gründel, Edward Schillebeeckx und Peter Hünermann.

Der mittlerweile 92 Jahre alte Hünermann, ein einflussreicher Dogmatiker, ist auch diesmal wieder einer der Unterzeichner. Weitere bekannte Namen unter der Stellungnahme sind unter anderem Julia Knop und Gregor Maria Hoff, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft für Dogmatik und Fundamentaltheologie, Johanna Rahner, Vorsitzende des Katholischen Fakultätentags, der Münchner Fundamentaltheologe Thomas Schärtl-Trendel, der Neutestamentler Michael Theobald aus Tübingen und der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf.

Umfrage: 23 Prozent finden Segnungsverbot angemessen

Auch mehrere Vertreter kirchlicher Hochschulen haben unterzeichnet, darunter Jesuiten aus St. Georgen und Lehrende von den katholischen Hochschulen in Eichstätt und Linz.

In einer aktuellen YouGov-Umfrage bezeichneten immerhin 23 Prozent der Befragten in Deutschland das Segnungsverbot des Vatikans als angemessen. 62 Prozent finden es nicht angemessen, 15 Prozent machten keine Angabe. Ein auffälliges Detail: Nur 18 Prozent der befragten Frauen unterstützen das Nein des Vatikans, aber 29 Prozent der Männer.

dpa

Lesen Sie jetzt