Über Wurzeln und neue Formen von Antisemitismus

Zeithistoriker Constantin Goschler

Samstag, 9. November, vor 75 Jahren zerstörten die Novemberpogrome über 1400 Synagogen, Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe – rund 30 000 Juden wurden in Konzentrationslager verschleppt. Die Reichspogromnacht war der Beginn einer systematischen Verfolgung von Juden. Inwiefern Antisemitismus heute eine Rolle spielt, erklärte Prof. Dr. Constantin Goschler, Inhaber des Lehrstuhls für Zeitgeschichte an der Ruhr-Uni.

BOCHUM

von Von Andrea Wellerdiek

, 09.11.2013, 18:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es ist schwer, die Unterschiede an Zahlen festzumachen. Es ist keine eindeutige Tendenz zu erkennen, sondern eher immer mal wieder aufkommende Wellen.

Es gibt Antisemitismus. Die Fragen, die geklärt werden müssen, sind: Wo fängt Antisemitismus an, wo hört er auf, und wie weit reicht er? Man muss unterscheiden, ob es um antisemitische Einstellungen oder Handlungen geht. Auch eine antisemitische Äußerung ist eine Handlung.

Das ist nicht so einfach. Wenn zum Beispiel Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen geschändet werden, dann ist es nicht zwangsläufig so, dass die Polizei das als antisemitische Tat bezeichnet. Je nachdem wie diese Tat statistisch festgehalten wird und wo letztlich die Beamten das Kreuz machen, kann es auch so dargestellt werden, dass es sich zum Beispiel um spielende Kinder hätte handeln können.

Antisemitische Einstellungen werden mit Fragebögen analysiert. Es werden Fragen gestellt zur Vorurteilsforschung. Zum Beispiel: Hätten Sie gern einen Juden als Nachbarn?

Es geht immer um Stereotypisierung. Das machen wir alle. In der komplexen Welt würden wir uns ansonsten nicht zurecht finden. Solche Vorurteile können aber auch in Verfolgungen umschlagen. Bei einigen Gruppen werden gleich negative Eigenschaften impliziert.

Antisemitismus hat häufig auch mit Verschwörungstheorien zu tun. Juden wird oft die Schlechtigkeiten dieser Welt zugeschrieben – wie der internationale Finanzkapitalismus oder die Pest. Das Judentum hat die Eignung, die großen Verschwörungstheorien zu begründen. Das macht die besondere Dramatik aus.

Durch ihre Internationalität und ihr Anderssein in der Religion und ihren Sitten versuchen einige Menschen, diese Gruppe dafür verantwortlich zu machen.

Es kann überall auftreten. In den vergangenen zehn Jahren ist aber ein neues Phänomen dazugekommen. Es geht nicht mehr nur um den Rückbezug auf den Holocaust und das Täter-Schuldbewusstsein. Menschen mit Migrationshintergrund, vor allem Muslime, beziehen sich auf den aktuellen Nahost-Konflikt, und so kommt es zu Spannungen mit Juden. Das ist besorgniserregend.